Die Kunst der Verschmelzung - Textur - Büro für Text und Kultur

Die Kunst der Verschmelzung

Ich kann mich nicht erin­nern, dass schon ein­mal ein Solist das Pots­da­mer Thea­ter­fes­ti­val Uni­dram eröff­net hat. Zum Auf­takt des dies­jäh­ri­gen 23. Jahr­gangs war dies so. Und der renom­mier­te bra­si­lia­ni­sche Tän­zer und Figu­ren­spie­ler Duda Pai­va und sein Pup­pen­kos­mos fas­zi­nier­ten dabei von der ers­ten bis zur letz­ten Minu­te.

Anfangs sitzt Pai­va selt­sam ent­stellt mit­ten im Publi­kum. Mit sei­nen zahl­rei­chen Beu­len, Buckeln und Bäu­chen scheint er der Bil­der­welt eines Hie­ro­ny­mus Bosch ent­sprun­gen zu sein. Und auch sei­ne röt­lich schim­mern­den Locken und die rie­si­ge Bril­le nähern ihn kei­nem gän­gi­gen Schön­heits­ide­al an.

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Foto: Patrick Argi­ra­kis

Indes wird schnell klar, dass er nach "Hei­lung" sucht. Und Berüh­rung scheint dabei  beson­ders wohl­tu­end und hilf­reich zu sein. Doch die Men­schen, die die­ser freund­li­che "Qua­si­mo­do" direkt dar­um bit­tet, wir­ken zöger­lich. Ent­spricht Mensch nicht einer wie auch immer gear­te­ten Norm, wird er schnell zum Ein­zel­gän­ger.

Der Tän­zer und Figu­ren­spie­ler Duda Pai­va umgibt sich indes mit Pup­pen. In "Blind", was nicht nur blind, son­dern auch ver­deckt bedeu­tet, wer­den sie sich bis zum Schluss die­ser Figu­ren-Thea­ter-Tanz-Per­for­mance aus die­sen selt­sa­men Beu­len an sei­nem Kör­per her­aus­schä­len. Als immer neue Mög­lich­kei­ten für einen Dia­log mit (sei­nen) ande­ren Ichs. Inten­siv und zärt­lich, aggres­siv und wei­ner­lich ist das – unter ande­rem.

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Foto: Patrick Argi­ra­kis

Doch zuerst holt Pai­va eine alters­lo­se, bar­bu­si­ge und glatz­köp­fi­ge Frau aus einem der drei wei­ßen Reif­rö­cke, die mit Schnü­ren an der Decke befes­tigt sind. Und mit die­ser vita­len "Schö­nen", die zudem durch ihr gran­dio­ses Minen­spiel und afro­bra­si­lia­ni­sche Yoru­ba-Gesän­ge bezau­bert, tanzt er (s)einen ers­ten Tanz.

Die Kunst der Ver­schmel­zung zwi­schen Mensch und Pup­pen­we­sen, die Duda Pai­va meis­ter­haft beherrscht, kennt bei ihm kei­ne kör­per­li­chen Gren­zen. Es gibt Sze­nen, wo nicht mehr genau aus­zu­ma­chen ist, wer hier wen eigent­lich führt bezie­hungs­wei­se "beherrscht".

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Foto: Patrick Argi­ra­kis

Die schlak­si­gen Figu­ren wer­den von Pai­va als äußerst fle­xi­ble Erwei­te­run­gen des eige­nen Kör­pers genutzt und man hat den Ein­druck, dass so ein Pup­pen-Mensch-Wesen ent­steht, wel­ches einer sur­rea­len (Alb-)Traumwelt ent­sprun­gen zu sein scheint. Groß­ar­tig auch, wie es ihm gelingt – wie in der "Pieta"-Szene – Pup­pen mit Pup­pen spie­len zu las­sen. Das hat man so noch nicht gese­hen.

Doch die zau­ber­haf­te Illu­si­on wird einem  – aller­dings gna­den­los freund­lich – genom­men, als man am Ende der phi­lo­so­phisch-tief­grün­di­gen und zudem humor­vol­len Per­for­mance die wun­der­ba­ren Pup­pen von Evan­dro Sero­dio und Duda Pai­va auf der Büh­ne anschau­en und anfas­sen kann. Mehr als meis­ter­haft bear­bei­te­ter Schaum­stoff ist da (lei­der) nicht!

Astrid Priebs-Trö­ger

Das wei­te­re Fes­ti­val-Pro­gramm fin­den Sie hier

09. November 2016 von admin
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