Lieben statt Leiden

Was für ein Fina­le! Das fran­zö­si­sche DÍRT­Z­thea­t­re setz­te mit sei­nen drei Kurz­stü­cken, die um Fra­gen der Iden­ti­tät, des Alterns und von Zuge­hö­rig­keit kreis­ten, dem dies­jäh­ri­gen RADAR-Figu­ren­thea­ter­fes­ti­val buch­stäb­lich die Kro­ne auf.

In 75 Minu­ten erzähl­ten Jolan­da Löl­l­mann und Char­lie Denat, die bei­de Tän­zer und Pup­pen­bau­er sind, bei­na­he wort­los ein gan­zes Men­schen­le­ben. Denn es fühl­te sich an, als tanz­te bei ihnen die Zukunft mit der Ver­gan­gen­heit auf der Schul­ter (und umge­kehrt) einen ful­mi­nan­ten Tan­go oder einen melan­cho­li­schen Fado in der gemein­sa­men kur­zen Gegen­wart.

In "ALIAS" schält sich aus dem Halb­dun­kel erst ganz all­mäh­lich eine Per­son her­aus. Anfangs sah man nur mensch­li­che Glied­ma­ßen, die mit­ein­an­der ver­knäult waren, etwas wei­ßen Stoff und einen Pup­pen­kopf, von dem man nicht wuss­te, wel­chen Geschlechts er ist.

DÍRTZtheatre/ALIAS, Foto: Pierre Rigo

Auch das Alter war unbe­stimm­bar. Nach einem erneu­ten Black stand plötz­lich der Kör­per eines Man­nes mit dem (Puppen-)Kopf eines Alten – mit mar­kan­tem Kinn, rie­si­gen Ohren und zer­furch­ter Stirn – auf der Büh­ne. Doch die ener­gi­schen Bewe­gun­gen sei­nes unge­mein elas­ti­schen Kör­pers woll­ten nicht so recht mit dem grei­sen Haupt zusam­men­ge­hen. Wer ist wer und (wie) gehö­ren sie zusam­men?

Dies wird erst erkenn­bar, als sich Char­lie Denat Hemd und Jacke aus­zieht, sein mus­ku­lö­ser Kör­per zum Vor­schein kommt und er schließ­lich den Grei­sen­kopf auf einen zwei­ten, aus der Jacke geform­ten Leib, setzt. Jetzt sind sie zwei, die in einen immer poe­ti­sche­ren Dia­log mit­ein­an­der tre­ten.

DÍRTZtheatre/Nonnas don´t cry, Foto: Pierre Rigo

Es fühlt sich an wie Groß­va­ter und Enkel respek­ti­ve Ver­gan­gen­heit und Zukunft, die eng, aber nicht sym­bio­tisch zusam­men­hän­gen. Immer mehr kommt jeder in sei­ne eige­ne Kraft/Energie und damit wird erst ein wirk­li­cher, sprich auch leich­ter und komi­scher Aus­tausch mög­lich.

Im zwei­ten Stück "Nonna(s) don´t cry" ist von vorn­her­ein klar, dass hier zwei eigen­stän­di­ge Frau­en auf­tre­ten. Ganz herz­be­rüh­rend und beseelt ist es, als die Alte den Fuß der Jun­gen  – Jolan­da Löl­l­mann, die als Pup­pen­spie­le­rin hin­ter ihr sitzt – als Tele­fon­hö­rer benutzt, um mit ihr zu reden.

Und die Jun­ge am Ende des Gesprächs sagt "Ich bin genau hin­ter dir …" und bei­de ein kur­zes Stück Gegen­wart gemein­sam gehen bezie­hungs­wei­se tan­zen. Bis zu einem melan­cho­li­schen Fado die See­le der Alten ent­schwebt und ihr Kör­per am Boden zurück­bleibt.

Berüh­ren­der hat man die beson­de­re Ener­gie zwi­schen Enke­lin­nen und ihren Groß­müt­tern auf der Büh­ne noch nicht gespürt. Eine Stei­ge­rung erfährt dies noch, als sich die Jun­ge die Alte auf die Schul­tern lädt, und ähn­lich wie im ers­ten Stück, mit der Ver­gan­gen­heit und auch dem eige­nen Ver­ge­hen im Nacken ihre Gegen­wart gestal­tet. Allen (moder­nen) Genera­tio­nen­kon­flik­ten zum Trotz, ein wun­der­ba­res Ver­bun­den­sein zele­briert, sich für Lie­ben statt Lei­den ent­schei­det.

DÍRTZtheatre/The third step, Foto: Mar­tin Grif­fin

Bil­der sagen mehr als tau­send Wor­te. Die­se Bin­sen­weis­heit trifft auch auf das drit­te Kurz­stück "The third step" zu, das die­sen auf­ein­an­der auf­bau­en­den Zyklus krönt. Jetzt tan­zen Jolan­da Löl­l­mann und Char­lie Denat, die ihr DÍRT­Z­thea­t­re erst 2018 grün­de­ten und mit ihren "Short Sto­ries" im T-Werk Deutsch­land­pre­mie­re fei­er­ten, mit einer kind­li­chen Pup­pe.

Anfangs ist SIE mit die­ser allein, bis sie das ers­te Mal auf IHN tref­fen und sich dar­aus unge­mein spie­le­risch eine Drei­er­be­zie­hung ent­wi­ckelt. Die­se ver­schiebt sich all­mäh­lich in eine inni­ge Zwei­er­be­zie­hung zwi­schen IHR und IHM und ES muss auf die­se Dyna­mik reagie­ren. Was ES mal amü­siert, mal genervt auch tut.

Es ist groß­ar­tig, wie bei die­sen bei­den Tän­zern und ihren mit ihnen kon­ge­ni­al ver­schmol­ze­nen Pup­pen schon weni­ge klei­ne Bewe­gun­gen gro­ße Dyna­mi­ken ent­fal­ten. Und eben gan­ze Geschich­ten, oder auch Dra­men erzäh­len kön­nen. Denn die inni­ge Zwei­er­be­zie­hung geht wie­der flö­ten und das einst­mals wun­der­bar aus­ta­rier­te, elas­ti­sche Bezie­hungs­ge­flecht zer­reißt.

Aber auch hier zei­gen Löl­l­mann und Denat mit weni­gen Bewe­gun­gen und Ges­ten so viel über Ver­lust, Ein­sam­keit und Schmerz, dass man sich wünscht, dass sich tren­nungs­wil­li­ge Paa­re, zumin­dest sol­che mit Kin­dern, die­ses Stück anse­hen. Und dann noch ein­mal selbst tan­zend erfor­schen, ob sie sich das selbst und ihren Kin­dern wirk­lich zumu­ten wol­len.

Astrid Priebs-Trö­ger

31. Oktober 2021 von Textur-Buero
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