Nichts ist umsonst

Mit Stan­ding Ova­tions began­nen die Pots­da­mer Tanz­ta­ge am 29.  Mai im Hans Otto Thea­ter. Die­se gal­ten der gran­dio­sen Auf­füh­rung der kon­go­le­si­schen Com­pa­gnie Banin­ga aus Braz­za­vil­le, die mit "Mons­tres, on ne dan­se pas pour rien" (deutsch: Mons­ter – wir tan­zen nicht umsonst!)  den Jahr­gang 2018 mit über­bor­den­der Ener­gie eröff­ne­te.

Doch erst ein­mal ver­hüll­ten dicke Nebel­schwa­den die Büh­ne und es war nicht zu erken­nen, ob das Wesen, das sich da im Dun­keln beweg­te, Mann, Frau oder ein Geist war.  DeLa­val­lett Bidie­fo­no, der hier selbst tanz­te, grün­de­te sei­ne Com­pa­gnie 2005 in Kon­gos Haupt­stadt.

Pots­da­mer Tanz­ta­ge 2018/Monstres/Foto: Chris­to­phe Pear

Tanzen als (Überlebens-)Elixier

Seit­dem hat der Cho­reo­graf nicht nur vie­len Men­schen in dem bür­ger­kriegs­ge­beu­tel­ten Land ohne staat­li­che Unter­stüt­zung zeit­ge­nös­si­sche Tanz­kunst zugäng­lich gemacht, son­dern seit über zehn Jah­ren tourt er mit sei­nen Pro­duk­tio­nen auch durch Euro­pa.

Dass Tan­zen für die­se Tän­zer nicht nur Bewe­gungs­kunst, son­dern ein (Über-)Lebenselixier ist, wur­de schon nach dem Ein­gangs-Solo von Bidie­fo­no deut­lich. Über­aus raum­grei­fend, sehr ath­le­tisch und dabei anmu­tig waren sei­ne ers­ten Posen und die ande­ren acht Tän­ze­rin­nen und Tän­zer stan­den ihm dar­in nicht nach. Sie kreis­ten mus­ku­lös ihre Köp­fe, spran­gen an- und  aus­dau­ernd in die Höhe und eini­ge voll­führ­ten sogar Sal­tos. Hier ging es zuerst um Selbst­be­haup­tung, Vita­li­tät und Lebens­lust.

Pots­da­mer Tanz­ta­ge 2018/Monstres/Foto: Chris­to­phe Pear

Und wenig spä­ter auch um Trau­er und Wut. Ein lang­an­hal­ten­der hoher "Kla­ge­ge­sang", den einer der Musi­ker, die auf einem Bau­ge­rüst hoch über den Tän­zern thron­ten,  anstimm­te, erzähl­te davon.

Existenzielle Frage: Gehen oder Bleiben?

Gehen oder blei­ben ist für Vie­le, vor allem jun­ge Men­schen im Kon­go, eine exis­ten­zi­el­le Fra­ge. Bidie­fo­no mit sei­ner Com­pa­gnie tut bei­des. Trot­zig behaup­tet er mit "Mons­tres", das nichts umsonst, im Sin­ne von ohne Wir­kung sei. Sein Tan­zen genau­so wenig, wie das Geld, das er dafür in Euro­pa ein­sam­melt. Und mit dem er immer neue Pro­jek­te in Braz­za­vil­le finan­ziert.

Die Auf­füh­rung indes wird immer dyna­mi­scher durch die drei groß­ar­ti­gen (Sänger-)Musiker mit zwei Schlag­zeu­gen und E-Gitar­re punk­rock­ar­tig vor­an­ge­trie­ben und man hat den Ein­druck, dass es in die­ser Com­pa­gnie vor allem um Gemein­schaft und Bün­de­lung von jeg­li­cher krea­ti­ver Ener­gie geht, ja, das Tan­zen für sie eine/die neue Rebel­li­on sei. Nicht nur im Hin­blick auf die poli­ti­schen Zustän­de, son­dern auch ganz deut­lich in Rich­tung Geschlech­ter­ste­reo­ty­pe.

Pots­da­mer Tanz­ta­ge 2018/Monstres/Foto: Chris­to­phe Pear

Neue Rebellion – Tanzen (auch) gegen Geschlechterstereotype

Eine Frau mit einer stein­zeit­li­chen Venus­fi­gur – sie ent­spricht so äußer­lich dem Kli­schee "Mama Afri­ka" – betritt die Sze­ne und bie­tet dem Publi­kum an, für es Brot zu backen. Ihren nack­ten schwar­zen Ober­kör­per bestreut sie mit wei­ßem Mehl und aus die­sem kne­tet sie zusam­men mit Bier einen kleb­ri­gen Teig, in dem sie fröh­lich und zor­nig zugleich sich selbst mit ver­ar­bei­tet. Sogar das bekann­te  Kin­der­lied "Backe, backe Kuchen" singt sie auf Deutsch dazu. Und dann schreit sie in einer Art Sprech­ge­sang  – auf Fran­zö­sisch – her­aus, was die welt­wei­te Neo­ko­lo­nia­li­sie­rung see­lisch mit den Betrof­fe­nen anrich­tet.

"Wer hat dir gesagt, dass ich nicht flie­gen will?" schleu­dert sie spä­ter noch ins Publi­kum und man ertappt sich dabei, dass man sich die­se Fra­ge noch nie grund­sätz­lich gestellt hat. Zu nach­drück­lich die Kon­zen­tra­ti­on auf die eige­nen Pro­ble­me,  zu euro­zen­tris­tisch die eige­ne und die gesamt­deut­sche Sicht.

Bidie­fo­nos "Mons­tres" rei­ßen einen da nach­hal­tig her­aus.  Die Fra­gen, die sie stel­len, grei­fen einen immer mehr im Inners­ten an. Und schließ­lich lässt der Cho­reo­graf auch noch einen Ika­rus die Büh­ne erobern. Doch die­ser hat nicht wie das berühm­te grie­chi­sche Vor­bild Wachs an sei­nen Flü­geln. Bei Bidie­fo­no glit­zern sie metal­lisch-gol­den und sind sehr soli­de ver­ar­bei­tet.  Wer sie trägt, wird nicht so leicht ins Mit­tel­meer stür­zen.

Astrid Priebs-Trö­ger

 

 

 

 

 

 

31. Mai 2018 von admin
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