Stadtmitte für Alle?!

Am Wochen­en­de waren bei Kai­ser­wet­ter jede Men­ge Men­schen in Pots­dams Stadt­mit­te unter­wegs. Die einen pil­ger­ten zum Bar­ber­i­ni, die ande­ren zum Stre­et­food­fes­ti­val und etwa 250 Jün­ge­re zum Sit-In rund um den Obe­lis­ken auf dem Alten Markt.

"Wat issn das hier?" frag­ten immer wie­der Zaun­gäs­te, die mit dem relax­ten Trei­ben – man saß in einem impro­vi­sier­ten Wohn­zim­mer, aß, trank, spiel­te, unter­hielt sich – nicht wirk­lich etwas anfan­gen konn­ten.

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Sit-In rund um den Obe­lis­ken auf dem Pots­da­mer Alten Markt am 12. März 2017

Wor­um es ging, wur­de deut­lich als Chris­ti­an Näthe, Sän­ger und Gitar­rist der Band "Hasen­scheis­se", den Song "Aux Champs-Ely­sées" anstimm­te und erzähl­te, wie er auf sel­bi­ger Pari­ser Pracht­stra­ße von Poli­zis­ten zur Rechen­schaft gezo­gen wur­de, als er (s)einen Ölfleck besei­ti­gen woll­te.

Schaffung kommerzialisierter Räume

Die­se kur­ze Epi­so­de zeigt, was sich auch in Pots­dams Mit­te immer mehr durch­setzt. Es wer­den Räu­me defi­niert und geschaf­fen, die vor­ran­gig Reprä­sen­ta­ti­ons­zwe­cken die­nen und stark regle­men­tiert und/oder kom­mer­zia­li­siert wer­den. Und Men­schen, die den Ein­tritt dafür nicht bezah­len kön­nen, blei­ben auto­ma­tisch außen vor.

Foto: Astrid Priebs-Tröger

Poli­na Boris­so­wa und Chris­ti­an Näthe

Das Bünd­nis "Stadt­mit­te für Alle" ist ein neu­er Zusam­men­schluss von Pots­da­mer Initia­ti­ven und Ver­ei­nen, Grup­pen und Ein­zel­per­so­nen, das die öffent­li­che Mit­spra­che bei der wei­te­ren Ent­wick­lung der Pots­da­mer Mit­te for­dert und prak­ti­ziert. Bereits 2016 wur­den u. a. das Bür­ger­be­geh­ren gegen den Abriss der Fach­hoch­schu­le, des Stau­den­hof-Wohn­blocks und des Mer­cu­re-Hotels auf den Weg gebracht und 15.000 Unter­schrif­ten gesam­melt.

Eine wich­ti­ge For­de­rung – neben der, die DDR-Bau­ge­schich­te nicht voll­stän­dig aus dem Stadt­bild zu ent­fer­nen – ist auch die nach öffent­lich nutz­ba­ren Räu­men wie in der Fach­hoch­schu­le oder dem Stau­den­hof. Pots­dams Stadt­obe­re beab­sich­ti­gen jedoch, die­se städ­ti­schen Grund­stü­cke an Pri­vat­an­bie­ter zu ver­kau­fen, damit die­se dort vor­wie­gend hoch­wer­ti­ge und –prei­si­ge Wohn- und Geschäfts­häu­ser bau­en.

Foto: Astrid Priebs-Tröger

Lecke­re Lin­sen­sup­pe wur­de gegen eine klei­ne Spen­de aus­ge­schenkt

Gegen Gentrifizierung an- und für den Erhalt öffentlicher Räume kämpfen

Gera­de Künstler*innen, Intel­lek­tu­el­le und auch Die Lin­ke lau­fen gegen die­se fort­schrei­ten­de Gen­tri­fi­zie­rung Sturm. Mit krea­ti­ven Aktio­nen wie der der Kura­to­ren­grup­pe Neu­deu­ter im ver­gan­ge­nen Som­mer oder jetzt dem impro­vi­sier­ten Wohn­zim­mer ver­su­chen sie, die gesam­te Stadt­be­völ­ke­rung dafür zu sen­si­bi­li­sie­ren, wie immer mehr öffent­li­che Räu­me pri­va­ti­siert wer­den.

Doch Pots­dam ist eine geteil­te Stadt. Der Groß­teil der fast 200.000 Bewohner*innen lebt in den zu DDR-Zei­ten errich­te­ten Neu­bau­ge­bie­ten. Und aus­rei­chen­der sozia­ler Woh­nungs­bau ist nach dem Mau­er­fall in der Stadt ver­nach­läs­sigt wor­den. Vie­le der zahl­rei­chen jün­ge­ren und älte­ren Zuzügler*innen befeu­ern inzwi­schen den Wett­be­werb auf dem frei­en Woh­nungs­markt, der über die gan­ze Stadt ver­teilt,  boomt. Bei­de Grup­pen sind (auch) an einer reprä­sen­ta­ti­ven Stadt­mit­te inter­es­siert bzw. wen­den sich nicht öffent­lich dage­gen.

Foto: Astrid Priebs-Tröger

Auch Kin­der nah­men das Außen­wohn­zim­mer in Besitz

Den Dialog mit der schweigenden Mehrheit suchen

Die Künstler*innen und ande­re Krea­tiv­schaf­fen­de, die mehr und vor allem (preis­wer­te) Frei­räu­me brau­chen, ste­hen so auf rela­tiv ver­lo­re­nem Pos­ten, ins­be­son­de­re, was die Stadt­mit­te angeht. Wich­tig wäre, dass sie stär­ker als bis­her dahin gehen, wo der Groß­teil der Potsdamer*innen zuhau­se ist. Um in einen wirk­li­chen Dia­log zu tre­ten und der zuneh­men­den Segre­ga­ti­on ent­ge­gen­zu­wir­ken. Auf jeden Fall soll­ten sie sich wei­ter ein­mi­schen und die Mit­te mit fan­ta­sie­vol­len Aktio­nen jen­seits der Main­stream­kul­tur zu wirk­li­chem und viel­fäl­ti­gem Leben erwe­cken.

Text + Fotos: Astrid Priebs-Trö­ger

Das nächs­te Sit-In "Platz neh­men!" fin­det am 2. April von 11 bis 15 Uhr auf dem Alten Markt statt.

14. März 2017 von admin
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