Ungeheuer magische Momente

Mit Mas­ken und Schwer­tern bewaff­net stürz­ten sie, das war­ten­de Publi­kum fröh­lich bei­sei­te schie­bend, aus dem Saal der fabrik ins Freie. Um drau­ßen laut­stark ums hell lodern­de Feu­er zu tan­zen. Mit einem soge­nann­ten "english mum­ming play" beginnt die Jubi­lä­ums­in­sze­nie­rung des Wan­der­thea­ters "Ton und Kir­schen", das in die­sem Jahr sei­nen 25. Geburts­tag fei­ert.

Nach die­sem rau­en Volks­thea­ter­spek­ta­kel ging es über­gangs­los nach drin­nen und man tauch­te dort  in eine nost­al­gi­sche Varie­té- bzw. Zir­kus­at­mo­sphä­re ein. Zwei pos­sier­li­che, livrier­te Affen(-marionetten) ver­gnüg­ten sich mit Rol­ler­fah­ren und Seil­tanz und beguck­ten sich inter­es­siert das Publi­kum.

Foto: Jean-Pierre Estour­net

Ungeheuer kontrastreich geht es durch die Welttheaterliteratur, durch Liebe und Hass …

Und ein paar Augen­bli­cke spä­ter fand man sich in einem men­schen­lee­ren Ball­saal oder kurz dar­auf in einer skur­ri­len Beckett´schen Drei-Frau­en-Sze­ne wie­der. Kon­trast­reich und in Vau­de­ville-Manier geht es bei­na­he 90 Minu­ten lang durch die Welt(theater-)literatur, durch Lie­be und Hass – von Eng­land, nach Russ­land bis nach Hin­du­stan und Bali.

Ver­gan­gen­heit, Gegen­wart und Zukunft ver­schmel­zen inein­an­der und mit­ein­an­der – und man muss sich ein­fach fort­tra­gen las­sen von die­sen unglaub­li­chen Thea­ter­men­schen und -sze­nen.

Foto: Jean-Pierre Estour­net

Für die es eigent­lich nicht die rich­ti­gen (ana­ly­sie­ren­den) Wor­te, son­dern nur die­ses beson­de­re "Ton-und-Kirschen"-Gefühl gibt. "In the blink of an eye" schließt dabei fast naht­los an die Shake­speare-Insze­nie­rung von vor zwei Jah­ren an, wo die viel­spra­chi­ge Trup­pe um Mar­ga­re­te Bie­reye und David Johnston Shake­speares Sonet­te und mit ihnen die Lie­be und die Ver­gäng­lich­keit fei­er­te.

Das besondere Ton-und-Kirschen-Gefühl (auch) in der Jubiläumsinzsenierung

Auch jetzt schwingt vor allem die Lie­be das Zep­ter und die zum Thea­ter wird mit allen zur Ver­fü­gung ste­hen­den künst­le­ri­schen Mit­teln über­wäl­ti­gend zele­briert. Beson­ders berüh­rend, ein­dring­lich und nach­wir­kend in der Sze­ne, in der Mario­net­ten­spie­le­rin Dai­sy Wat­kiss ein zar­tes Mäd­chen über die Büh­ne und durch sein – momen­tan tief­trau­ri­ges – Leben lau­fen lässt.

Foto: Jean-Pierre Estour­net

Wel­che Prä­senz und wel­che Lie­be zum Detail die Pup­pen­spie­le­rin nicht nur an die­ser Stel­le zeigt, ver­schlägt einem fast den Atem. Sie selbst ist so ein wun­der­ba­rer Ruhe­punkt in die­ser an Indi­vi­dua­lis­ten rei­chen Trup­pe. Die jedoch immer dem Ein­zel­nen als auch der Gemein­schaft Raum gibt, wie das herr­lich im Schluss­bild  pas­siert – alle mit ihrem urei­ge­nen Instru­ment zu einem Orches­ter ver­eint.

Ungeheure Präsenz und wunderbare Liebe zum Detail

Doch bevor dies ent­steht, lässt man sich fort­tra­gen von der schen­kel­klop­fen­den Situa­ti­ons­ko­mik im Tsche­chow­schen Ein­ak­ter "Der Bär" und von der star­ken, über den Tod sie­gen­den Lie­be von Pyra­mus und This­be in Ovids "Meta­mor­pho­sen".

Foto: Jean-Pierre Estour­net

Groß­ar­tig auch die Ver­wand­lun­gen, die die Schauspieler*innen, allen vor­an Mar­ga­re­te Bie­reye, immer wie­der voll­zie­hen. Im Bali­ne­si­schen Mas­ken­tanz, mit dem die Ovi­d­sche Geschich­te dar­ge­stellt wird, ver­kör­pert die inzwi­schen 72-jäh­ri­ge die jun­ge Frau. Leicht­fü­ßig wie eine 20-Jäh­ri­ge und gleich­zei­tig mit den rei­chen Erfah­run­gen  geleb­ten Lebens. Man hat den Ein­druck, dass die Zeit diesem/ihrem Spiel über­haupt nichts anha­ben kann. Ein­fach magisch!

Astrid Priebs-Trö­ger

14. November 2017 von admin
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