Zwischen Himmel und Hölle

Mit einem laut­star­ken Höl­len­spek­ta­kel im "Gar­ten der Lüs­te" began­nen sie am 16. Mai und mit einem fried­voll-poe­ti­schen Him­mel ("Ciel") ende­ten sie am ver­gan­ge­nen Wochen­en­de. Die 27. Pots­da­mer Tanz­ta­ge hat­ten zwi­schen die­sen zwei dia­me­tra­len Räu­men jede Men­ge pul­sie­ren­den moder­nen Tanz und eben­sol­ches Leben zu bie­ten.

Tanz­ta­ge goes Bran­den­burg

Sie zogen in die­sem Jahr fast 9.000 Besu­cher an und damit noch ein­mal mehr als im Vor­jahr, wo 7.500 Men­schen die Auf­füh­run­gen sahen. Auch eine Pre­mie­re: Die Tanz­ta­ge goes Bran­den­burg. Vom 9. bis 15. Mai – also vor der eigent­li­chen Pots­da­mer Eröff­nung – waren sie auf öffent­li­chen Plät­zen in  Neu­rup­pin, Kyritz, Cott­bus, Prem­nitz, Wal­dreh­na und Guben zu Gast. An Orten also, wo moder­ner Tanz bis­her ein Schat­ten­da­sein fris­te­te.

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LAURIN-BEAUCAGE HABITER / Foto: Ginel­le Chagnon

Mit sie­ben mehr­stün­di­gen Open-Air-Per­for­man­ces von  "Habi­ter sa Mémoi­re" lock­ten sie die ers­ten Neu­gie­ri­gen an. Die Pots­da­mer Foto­gra­fin Kath­rin Oll­ro­ge hat die­se dabei beob­ach­tet; die Bil­der und Publi­kums­re­ak­tio­nen waren in einer Aus­stel­lung im Kunst­raum zu sehen. Und: auch in Pots­dam selbst wur­den neue Orte wie die Gedenk­stät­te Lin­den­stra­ße, der Alte Markt und ein Park­deck in der Schiff­bau­er­gas­se als Tanz-Loca­ti­ons erschlos­sen.

Fokus Kana­da

Neben die­sem ver­stärk­ten loka­len Bezug lag der Fokus des 27. Fes­ti­vals auf einem Land – auch dies so ein Novum. Kana­da, das in die­sem Jahr das 150. Jubi­lä­um sei­ner Staats­grün­dung fei­ert, prä­sen­tier­te  fünf sehr unter­schied­li­che Cho­reo­gra­fen und ihre ori­gi­nä­ren Hand­schrif­ten. Gleich zu Beginn der Tanz­ta­ge den über­bor­dend effekt­vol­len "Gar­ten der Lüs­te" von Marie Choui­nard, danach folg­te die expres­si­ve Bezie­hungs­stu­die "This duet that we’ve alre­ady done" von Frédé­rick Gra­vel und die kon­ge­nia­le Ver­schmel­zung von Hip Hop und Bal­lett der Rub­ber­band­dance Group – alle kamen aus Mont­re­al. Dazu kamen wie­der vie­le, in Pots­dam bis­her unbe­kann­te Künst­ler aus Frank­reich, der Schweiz und Spa­ni­en. Die Com­pa­ny "Time takes time time takes" aus Bei­rut und Bar­ce­lo­na begeis­ter­te am ers­ten Wochen­en­de mit ihrem puren Tanz und den flie­ßen­den Ver­bin­dun­gen der Figu­ren.

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CHOUINARD, GARTEN DER LUESTE / Foto: Nico­las Ruel

Kämpferische Frauen aus Indonesien

Zum ers­ten Mal im Büh­nen­pro­gramm war auch eine Com­pa­ny aus Indo­ne­si­en zu Gast. Am ver­gan­ge­nen Wochen­en­de zeig­ten die fünf jun­gen und sehr prä­sen­ten Tän­ze­rin­nen der Ekos­dance Com­pa­ny, was es bedeu­tet, sich als Frau mit der krie­ge­risch-männ­li­chen Tra­di­ti­on des Insel­staa­tes aus­ein­an­der­zu­set­zen.  Mit geball­ten Fäus­ten und ernst­haf­ten Gesich­tern tanz­ten sie die Kriegs­tän­ze Cakale­le und Soya Soya, die eigent­lich nur Män­nern vor­be­hal­ten sind. Wie sehr sie dabei bei sich anka­men, schließ­lich in sich ruh­ten und sowohl als Ein­zel­ne als auch als Grup­pe reif­ten, wur­de einem schmerz­haft bewusst, als sie am Ende der fremd anmu­ten­den und dann doch sehr ver­trau­ten Per­for­mance (wie­der) in die (tra­di­tio­nel­len) Frau­en­rol­len – hier: ver­ein­zelt redend – zurück­fie­len.

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ALI CHAHROUR: MAY HE RISE / Foto: Zyad Cebla­ny

Immer wie­der stark auf die­sem Fes­ti­val: Die Aus­ein­an­der­set­zung von und mit Frau­en und ihren jet­zi­gen und tra­di­tio­nel­len Rol­len. Im Fes­ti­val­pro­log tanz­te eine Frau (Caro­li­ne Lau­rin-Beau­ca­ge) vier Stun­den lang allein im öffent­li­chen Raum, stand völ­lig im Mit­tel­punkt des Inter­es­ses. Eine wun­der­bar prä­sen­te Frau ist auch die Schwei­ze­rin Yas­mi­ne Hugon­net, die mit ihrem Kör­per vir­tu­os wie auf einem Instru­ment spiel­te. Für Euro­pa und die west­li­che Welt (fast) Nor­ma­li­tät. Doch die Per­for­mance der indi­ge­nen, kana­di­schen Frau­en zeig­te eine ande­re, zudem sehr gewalt­vol­le Rea­li­tät. Sie rück­te ins Bewusst­sein, wie dünn der eman­zi­pa­to­ri­sche Fort­schritt auch hier­zu­lan­de ist, wo Gewalt gegen Frau­en zwar gesetz­lich ver­bo­ten, doch nach wie vor an der Tages­ord­nung ist.  Wie stark tra­dier­te Geschlech­ter­be­zie­hun­gen durch die Ver­än­de­run­gen der Rol­len­bil­der ins Wan­ken gera­ten (kön­nen), war auch im nah­bar-unnah­ba­ren Duett von Bri­an­na Lom­bar­do und Frédé­rick Gra­vel zu erle­ben.

Ungewöhnlich starke Kontraste

2017 wird auch als ein Fes­ti­val der unge­wöhn­lich star­ken Kon­tras­te in Erin­ne­rung blei­ben. Nach Him­mel und Höl­le, auf  Krieg und Tod, folg­ten All­tag, Schwer­kraft, Spiel und immer wie­der Stil­le. Das wun­der­bar artis­ti­sche "Gra­vi­ty" der bei­den Israe­lis Ofir Yudi­le­vitch und Asher Ben Sha­lom zeich­ne­te in nur 30 Minu­ten unge­mein spie­le­risch das gan­ze mensch­li­che Erden­da­sein nach. Sprin­gend, fal­lend, flie­gend – immer im Kampf gegen die Schwer­kraft und (zu oft) auch gegen­ein­an­der – ist es nur mit Kraft, Aus­dau­er, Soli­da­ri­tät und Humor zu ertra­gen. Genau­so spie­le­ri­sche Ansät­ze und tie­fe Ein­sich­ten gab es im "Stoi­ker-Bad", das Kin­der und Erwach­se­ne gemein­sam im Kunst­raum nutz­ten.

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OFIR YUDILEVITCH: GRAVITAS / Foto: Voj­tech Brt­nickì

Einen der stärks­ten und nach­hal­tigs­ten Ein­drü­cke hin­ter­ließ jedoch der zwei­te Fes­ti­val­abend, an dem Ali Chah­rour aus Bei­rut den drit­ten Teil sei­ner Trau­er­ri­tua­le auf­führ­te. Gemein­sam mit der Sän­ge­rin Hala Omran rebel­lier­te er gegen Gott und den Tod, der in Syri­en all­ge­gen­wär­tig ist. Und bei dem Män­ner (immer noch) kämp­fen müs­sen und nicht trau­ern dür­fen. Wie gut, dass die Macher der Tanz­ta­ge auch immer wie­der einen aktu­el­len und poli­ti­schen Bezug zulas­sen und sich gera­de die­ses Fes­ti­val nicht an "rei­ner" Kunst abar­bei­tet. Es ist und bleibt nah- und streit­bar und das ist gut so!

Aktuelle Bezüge

Und der "Him­mel"? Befand sich auf einer grü­nen Wie­se, im Son­nen­schein, dazu Vogel­ge­zwit­scher und ent­spann­te Men­schen. Ein Mann band mit meh­re­ren Sei­len schlan­ke Baum­stäm­me zu einem über­manns­ho­hen Drei­bein zusam­men. Einer sehr zweck­mä­ßi­gen Cho­reo­gra­fie fol­gend, füg­te der Kata­la­ne Jor­di Galí an des­sen Spit­ze zwei wei­te­re, sich noch­mal ver­jün­gen­de Stäm­me hin­zu. Es ent­stand in Echt­zeit ein gen Him­mel stre­ben­des, schwe­ben­des Etwas, das vor dem gigan­ti­schen Turm der Niko­lai­kir­che wie ein Zei­chen aus einer ande­ren, ver­ges­se­nen Welt wirk­te und doch so gran­di­os von der Schöp­fer­kraft und Sehn­sucht des (ein­zel­nen) Men­schen kün­de­te. Wun­der­bar archa­isch und poe­tisch zugleich!

Astrid Priebs-Trö­ger

Die­ser Text erschien zuerst in den Pots­da­mer Neu­es­ten Nach­rich­ten vom 29.05.17

 

29. Mai 2017 von admin
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