Schwebende Lasten
Diesen Roman habe ich an einem Tag verschlungen. Annett Gröschner erzählt darin die Geschichte einer (Arbeiter-)Frau aus dem 20. Jahrhundert.
Die Hauptheldin Hanna Krause wurde 1913 geboren, erlebte als Waisenkind, das von ihren Halbschwestern aufgezogen wurde, eine schwere Kindheit und Jugend in Magdeburg und Berlin. Sie wird selbst früh Mutter, verliert fast die Hälfte ihrer Kinder an die Engelmacherin und an den zweiten Weltkrieg und schafft es doch, sich ihre Lebensfreude und Resilienz bis zum Schluss zu bewahren.
Diese lebenspralle Prosa von Annett Gröschner wurde 2025 für den Deutschen Buchpreis nominiert und das völlig zu Recht. Wird doch hier deutsche Geschichte aus Frauenperspektive erzählt – und inzwischen sehr selten geworden – aus der Perspektive einer Arbeiterfrau.
Denn Hanna, die als Blumenbinderin startet und dieser floralen Leidenschaft ihr ganzes Leben lang treu bleibt – sitzt nach dem Krieg als eine der ersten Kranführerinnen im späteren SKET-Werk Magdeburg auf dem Kran und meistert auch dies. Vor allem mit Durchhaltevermögen, Fantasie und Chuzpe.
Und es tut so gut, im Angesicht der heutigen Probleme davon zu lesen, wie man es trotz materieller Armut schaffen kann, ein dennoch erfülltes Leben zu leben. Mit ungeheuer vielen Brüchen und schweren Schicksalsschlägen, aber auch immer wieder sogenannten kleinen Freuden und vielen Träumen. Und der Hoffnung, dass es immer wieder weitergeht.
Zwei kurze Ausschnitte bringen Hannas Lebensmaxime auf den Punkt: "Das, was passiert war, ergab keinen Sinn … bring den Rest deiner Familie durch, koste es, was es wolle … Und: Bevor Hanna Grübeln konnte, war sie schon am Machen."
Das weist sie als tatkräftige "Trümmerfrau" aus, und Annett Gröschner zeigt auch, was diese Einstellung mit den Nachgeborenen und ihr selbst macht. Depressionen und posttraumatische Belastungsstörungen sind die Folge und Hanna stellt selbst fest, dass sie nach alldem "keine Wärme mehr hat".
Etwas, was viele in den 1950er und 60er Jahren geborene "Kriegsenkel" am eigenen Leib erfahren mussten und das erst seit einigen Jahren in Büchern und zunehmend in Psychotherapiepraxen thematisiert wird.
Denn, wie Nobelpreisträgerin Annie Ernaux in "Die Jahre" schreibt, war in den 1970ern "Die Verbindung zur Vergangenheit … geschwächt. Man gab nur noch die Gegenwart weiter." Das passierte nicht nur in Frankreich, sondern auch hierzulande und nahm nach der Wiedervereinigung nochmals Fahrt auf.
Annett Gröschners großartige Frauenfigur Hanna Krause zeigt eindrücklich, auf wessen Schultern die Frauenbewegung Ost und West auch steht und vor allem, welches Potenzial diese Frauen hatten und mit wieviel Lebenskraft und –mut sie sich den damaligen Herausforderungen stellten.
Besonders schön und poetisch ist die florale Ebene, die das ganze Buch durchzieht und Hanna im Einklang mit ihrer wahren Natur zeigt. Und es schließlich ermöglicht, diesen wunderbar doppeldeutigen Titel "Schwebende Lasten" über all dies zu setzen.
Astrid Priebs-Tröger
