Engel gesucht?!
Die aktuelle Ausstellung "Engel m/w/d wo seid ihr?" könnte gar nicht besser in diese Zeit passen, denn sowohl der Bezug zum vergangenen Weihnachtsfest als zum aktuellen Zeitgeschehen finden sich darin wieder beziehungsweise korrespondieren miteinander.
Galeristin Angelika Euchner hat in ihrer Galerie in der Charlottenstraße zum Jahresende 2025 fünfunddreißig Künstler:innen versammelt, deren Engeldarstellungen unterschiedlicher nicht sein könnten.

Man begegnet sowohl hölzernen Engelfiguren, analogen Fotografien in schwarz-weiß oder diversen Digitaltechniken, Ölgemälden, Zeichnungen, Collagen und sogar Plastiken aus so unterschiedlichen Materialien wie Gips oder Tüll. Engel haben viele Gesichter, Geschichten und Hintergründe.
Die beiden ältesten Arbeiten stammen aus dem Jahr 1987 und werfen einen Blick auf die untergehende DDR. Der Fotograf Bernd Hiepe hat einen jungen Mann im Engelskostüm inklusive Heiligenschein und Jesuslatschen in den grauen Straßen von Mühlhausen in Thüringen abgelichtet, der selbst den strahlenden Vorwende-Sommer ein wenig heller und leichter werden lässt.
Ganz in dessen Nähe hängt Gundula Schulze Eldowys berühmtes "Nachbarskind als Engel", das ein zartes Mädchen im schattigen zugewucherten Hinterhof zeigt; auch sie ein Lichtblick in dieser Zeit. Diese Leihgabe von Frank Gaudlitz korrespondiert wunderbar mit seiner eigenen Farbfotografie "Negombo" von 2024 aus Sri Lanka. Diese zeigt eine lebenspralle Mutter-Kind(Engel)-Szene, die trotz sichtbarer Armut viel Kraft und Energie ausstrahlt.

Berührend auch die sw-Fotografie von Monika Schulz-Fieguth, die einen Zisterziensermönch mit seiner betagten Mutter im Kloster Heiligenkreuz bei Wien abbildet. Und bei der sich erst nach und nach erschließt, wer von beiden eigentlich der Engel ist.
Matthias Marx hat 1995 eine Straßenszene mit einem kindlichen "Barockengel" (im Kostüm) eingefangen, der darauf selbst in Gefahr schwebt, unter die Räder eines Autos zu geraten – eine direkte Analogie auf die schwierigen 1990er Jahre in (Ost-)Deutschland.
Krieg, Krankheit und Tod symbolisieren gleich mehrere Engel-Darstellungen. So die Fotografie "Niemals wieder" von Violeta Vollmer, die 2006 in der Normandie, der Batterie Longues-sur-Mer, entstand. Oder der gemalte "Pestengel" von 2022 von Bettina Lehfeld, der in der Corona-Pandemie erschaffen wurde. Sehr berührend auch der "Flüchtige Engel", den Ute Manoloudakis nach dem Tod ihres Mannes schuf.
Nicht zu vergessen, die vielen Traumgebilde von Engeln, die oft nur angedeutet werden und viel Raum für eigene Fantasien lassen. Und die sehr verloren und morbid wirkenden beiden gold-schwarzen Kind-Engelsbilder von Susanne Ramolla.
Man kann sehr lange in der Galerie verweilen und zwischen diesen unterschiedlichen Objekten eigene Geschichten spinnen, die auch immer wieder Einsamkeit und "verlorene Paradiese" oder die Sehnsucht nach Frieden thematisieren. Oder auch über Georg Lukács´ Aussage von der "transzendalen Obdachlosigkeit", in der sich Menschen ohne Hoffnung und Glauben befinden, nachdenken und –fühlen.
Astrid Priebs-Tröger
Ausstellung bis 21.01.26 in der ae-Galerie, geöffnet Mi – Fr 15 – 19 Uhr und Sa 12 – 16 Uhr und nach Vereinbarung.
