Irgendwo in Bulgarien

Vor ein paar Tagen ist die deutsch-jüdi­sche Schrift­stel­le­rin Ange­li­ka Schrobs­dorff 88-jäh­rig in Ber­lin gestor­ben. Ich beschloss, end­lich einen Text die­ser Frau zu lesen. Die auto­bio­gra­fisch gepräg­te Erzäh­lung "Du bist nicht so wie ande­re Müt­ter" habe ich jetzt förm­lich ver­schlun­gen.

Dar­in erzählt Schrobs­dorff vom Leben ihrer Mut­ter Else und natür­lich von ihrem eige­nen, das durch die Gol­de­nen Zwan­zi­ger in Ber­lin, den auf­zie­hen­den Faschis­mus, die Flucht nach Bul­ga­ri­en und das Kriegs­en­de in Deutsch­land maß­geb­lich geprägt wur­de.

Die­ses Buch ent­wi­ckel­te einen unbe­schreib­li­chen Sog, nicht nur, weil es von einer Frau geschrie­ben ist und von einer sol­chen han­delt, son­dern weil das, was sie erzählt, so atem­be­rau­bend in Reso­nanz mit unse­rer Gegen­wart geht.

Angelika-Schrobsdorff

Ange­li­ka Schrobs­dorff 1927–2016

Das Ver­drän­gen des­sen, was poli­tisch am Hori­zont auf­zieht, das ego­is­ti­sche sich Ein­igeln und die Lust am rausch­haf­ten Amü­se­ment präg­te nicht nur die Künst­ler, Intel­lek­tu­el­len und Lebe­män­ner und –frau­en der zwan­zi­ger Jah­re in Ber­lin, son­dern auch heu­te vie­le Men­schen.

Jede*r ist sich selbst der/die Nächs­te – kom­me, was da wol­le. Und wir sind ja schon mit­ten­drin in einer (glo­ba­li­sier­ten) Welt, die immer mehr dem Cha­os anheim­fällt. Die Flücht­lings­zah­len spre­chen eine deut­li­che Spra­che und es ist gar nicht unwahr­schein­lich, dass auch die­ser Herbst ein "hei­ßer" für Euro­pa und Deutsch­land wird.

Die Flucht nach Bul­ga­ri­en gehört mit zum Stärks­ten, was in Ange­li­ka Schrobs­dorffs Buch zu lesen ist. Ihre Mut­ter, die als assi­mi­lier­te Jüdin einen preu­ßi­schen Adli­gen gehei­ra­tet hat­te, wur­de lang­sam aber sicher zum Risi­ko für die Fami­lie ihres Man­nes.

Als letz­ten Aus­weg ging sie eine Schein­ehe mit einem Bul­ga­ren ein und zog als allein­ste­hen­de Frau mit zwei Kin­dern 1939 nach Sofia. Was für ein Kul­tur­schock! Schrobs­dorff gelingt es, dies ein­dring­lich aus ihrer Per­spek­ti­ve zu schil­dern.

9783423216579

1943, als Sofia von den Alli­ier­ten bom­bar­diert wird, muss die Fami­lie aber­mals flie­hen und lebt für acht Mona­te in einem Dorf. Und hier, in Buchowo erfährt das inzwi­schen 16-jäh­ri­ge Mäd­chen zum ers­ten Mal mensch­li­chen Zusam­men­halt und wirk­li­che Gebor­gen­heit.

"Nie zuvor und nie wie­der danach habe ich so unei­gen­nüt­zi­ge Groß­zü­gig­keit erfah­ren, wie von die­sen besitz­lo­sen Bau­ern, nie eine so noble Hal­tung Frem­den gegen­über, von denen sie nichts ande­res wuss­ten, als dass sie in Not waren, nie eine so tie­fe und ech­te Anteil­nah­me." (S. 447)

Es ist unge­mein berüh­rend, wie Schrobs­dorff beschreibt, wie das weni­ge Essen und der kaum vor­han­de­ne Platz mit den "Frem­den" groß­zü­gig geteilt wird und wie sie selbst davon genährt und end­lich heil(er) wird. Was für ein Unter­schied zu dem, was sie nach Kriegs­en­de in Deutsch­land erlebt, als die Besieg­ten eben­falls Not und Elend erlei­den und eng zusam­men­rü­cken müs­sen.

Ange­li­ka Schrobs­dorff, deren vor­herr­schen­des Lebens­ge­fühl Ein­sam­keit war, hat ein groß­ar­ti­ges Buch geschrie­ben. Für mich ist es wie ein Fin­ger­zeig in die­sem schein­bar unbe­schwer­ten Som­mer 2016 …

Astrid Priebs-Trö­ger

08. August 2016 von admin
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