Fat is beautiful

Ihr Kör­per erin­nert an die Venus von Wil­len­dorf, eine alt­stein­zeit­li­che Figu­ri­ne, die 1908 in Donau­nä­he in Öster­reich gefun­den wur­de. Und Clau­dia A. Mar­si­ca­no ist sich bewusst, dass ihr Kör­per heut­zu­ta­ge und gera­de auch im Tanz­thea­ter  – zumin­dest anfangs – Irri­ta­tio­nen auslöst.

Nur mit einem tür­kis­blau­en Bade­an­zug beklei­det, kommt die 34-Jäh­ri­ge in der fabrik-Rei­he "Glo­bal Bodies" auf die Büh­ne und sie nimmt sich viel Zeit, um ihn dem Publi­kum von allen Sei­ten zu präsentieren.

R.OSA_Silvia_Gribaudi@Eleonora Rad­a­no

In die­ser ers­ten von "10 Übun­gen für neue Vir­tuo­si­tä­ten"  in der Regie von Sil­via Gri­bau­di, die vom kolum­bia­ni­schen Maler und Bild­hau­er Fer­nan­do Botero zu "R.OSA" inspi­riert wur­de, ist man noch eine Voy­eu­rin. Denn einen so üppi­gen weib­li­chen Body bekommt man öffent­lich nicht alle Tage zu sehen – in einer von Mager­mo­dels domi­nier­ten Zeit.

Auch, wenn ein Groß­teil der Bevöl­ke­rung inzwi­schen über­ge­wich­tig ist, wird dies kaum medi­al oder künst­le­risch abge­bil­det. Die viel­ge­prie­se­ne Diver­si­tät sieht anders aus. Weni­ge Augen­bli­cke spä­ter zeigt Mar­si­ca­no, was (sonst noch) alles in ihr steckt. Sie singt – und zwar zart und kraft­voll zugleich – den berühm­ten "Jolene"-Song von Dol­ly Parton/Miley Cyrus. Ein Song über zwei Frau­en, die sich um einen Mann streiten.

R.OSA_Silvia_Gribaudi@Gianfranco Rota

Doch die­ses sen­si­ble und zudem humor­vol­le Kraft­pa­ket zieht das fabrik-Publi­kum kraft­voll  in sei­nen Bann, denn wenig spä­ter ani­miert Clau­dia A. Mar­si­ca­no  den Saal zum Mit­ma­chen und –tan­zen. Die Gren­zen zwi­schen den Räu­men und Kör­pern gera­ten ins Flie­ßen und spä­tes­tens bei der gemein­sa­men klang­vol­len Body­per­cus­sion wird bewusst, dass wir alle nur ein Kör­per und jeg­li­che Nor­men ein­engend und dis­kri­mi­nie­rend sind. Das schafft Befrei­ung auch in Hin­blick auf eige­ne nega­ti­ve Körpergefühle.

Zu baro­cken Klän­gen lässt sie jede und jeden sich wie einen König bzw. eine Köni­gin füh­len; das erfor­dert eine auf­rech­te Hal­tung, ermög­licht aber auch (Über-)Fülle. Die Bewe­gung Body Posi­ti­vi­ty setzt sich für die Abschaf­fung von unrea­lis­ti­schen Schön­heits­idea­len ein, setzt auf die Stär­kung des Selbst­wert­ge­fühls und des Ver­trau­ens in ande­re Menschen.

Mar­si­ca­no  ver­traut ihrem Kör­per und ver­setzt ihn in die Lage, sich der Schwer­kraft zu wider­set­zen. Klas­se, wie sie spie­le­risch demons­triert, wie viel Leich­tig­keit (für jede/n) mög­lich ist.

Stan­ding ova­tions am Ende für eine fast zehn Jah­re alte, sehr humor­vol­le  Pro­duk­ti­on, die nichts an Aktua­li­tät ein­ge­büßt hat und für die Clau­dia A. Mar­si­ca­no 2017 den berühm­ten Ubu-Thea­ter­preis bekam.

Astrid Priebs-Trö­ger

22. März 2026 von Textur-Buero
Kategorien: Allgemein, Performance, Tanz | Schlagwörter: , , , | Schreibe einen Kommentar

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