Lebens(Geister)Geschichten

Am 30. April 2024 starb Paul Aus­ter und sei­ne Ehe­frau, die Schrift­stel­le­rin Siri Hust­vedt, hat ihm mit/in "Ghost Sto­ries" ein sehr berüh­ren­des Denk­mal gesetzt. Nicht aus Stein, son­dern aus ihren Erin­ne­run­gen, Brie­fen, Zet­teln von Paul, Tage­buch­ein­trä­gen und Notizen.

Die­ses fast vier­hun­dert Sei­ten star­ke Buch der Erin­ne­rung beleuch­tet ihre 43jährige Bezie­hung, erzählt gute und schreck­li­che Fami­li­en­ge­schich­ten  und bezieht auch ihren Anfang 2024 gebo­re­nen Enkel Miles mit ein. Paul Aus­ter schrieb ihm im Ange­sicht sei­nes eige­nen Todes meh­re­re Brie­fe, die wir jetzt und er in Zukunft lesen können.

Nicht zu tren­nen von ihrer Lie­bes- ist auch die vier Jahr­zehn­te wäh­ren­de Arbeits­be­zie­hung die­ses legen­där gewor­de­nen Autoren­paars aus Brook­lyn. "Der lan­ge Dia­log zwi­schen Paul und mir über Bücher", schreibt Hust­vedt , "war Teil der ero­ti­schen Ver­bin­dung, um die ich trauere".

Trau­er spielt eine gro­ße Rol­le in "Ghost Sto­ries", jedoch nicht die Haupt­rol­le. Siri Hust­vedt beob­ach­tet sich selbst mehr als ein Jahr lang und erfährt und erforscht auf men­ta­ler, kör­per­li­cher, und sozia­ler Ebe­ne, was die­ses exis­ten­zi­el­le Grund­ge­fühl mit ihr macht, wie es sie schritt­wei­se verändert.

Die­se Pas­sa­gen im Buch berühr­ten mich sehr, denn auch ich habe 2024 mei­nen Mann an den Krebs ver­lo­ren. Und ich fin­de kaum Men­schen, mit denen ich adäquat über mei­ne oft wider­sprüch­li­chen Gefüh­le spre­chen kann. Zu vie­le schie­ben die Gedan­ken an den eige­nen Tod weit von sich weg. Denn wenn, anders als die Eltern, der Lebens­part­ner stirbt, haben die­se Gedan­ken in einem selbst Hoch­kon­junk­tur. Und sind schwer auszuhalten.

Und noch etwas beschreibt Hust­vedt, das mich sehr berühr­te: "Ja, ich traue­re um Paul, aber meis­tens traue­re ich um Siri und Paul. Ich traue­re um das UND. Ich traue­re um das Gefühl, das die­ses UND mir in der Welt berei­te­te … Ich fühl­te mich leben­di­ger, als ich mit Paul zusam­men war".

Bei­de Part­ner begin­nen schon im Ster­be­pro­zess mit der intui­ti­ven Suche nach einem "Bin­de­glied" zwi­schen den Wel­ten. Drei Tage vor sei­nem Tod sagt Aus­ter ihr, dass er sich danach seh­ne, ein "Geist" zu sein. Er wol­le zurück­keh­ren und sehen, wie es sei­nen liebs­ten Men­schen geht.

Da dies in der ers­ten inten­si­ven Trau­er­pha­se von ihr bei­na­he kör­per­lich erlebt wird, schreibt Siri Hust­vedt "Ghost Sto­ries" und die han­deln vor­ran­gig vom pral­len Leben, zu dem auch schwe­re Krank­hei­ten und letzt­end­lich der Tod gehö­ren. Und auch die muti­ge Ent­schei­dung, die­sen nicht durch end­lo­se The­ra­pien ewig hinauszuzögern.

Astrid Priebs-Trö­ger

31. Juli 2026 von Textur-Buero
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