Oszillierender Erinnerungsstrom
Zwei schwarz gekleidete Frauen umarmen und stützen einander, bevor sie sich eng umschlungen in Stille und Zerbrechlichkeit auf den weißen Tanzboden in der Französischen Kirche in Potsdam zubewegen.
Adi Weinberg, geboren in Israel, mit familiären Wurzeln in Polen und jetzt in Berlin lebend, hat mit "Undercurrents" eine choreografische Spurensuche begonnen, die als Auftragsarbeit vom Warschauer POLIN Museum als Reaktion auf die Ausstellung "1945. Nicht das Ende, nicht der Anfang" 2025 dort aufgeführt wurde.

Jetzt präsentierte Weinberg "Undercurrents" als Deutschlandpremiere bei den Potsdamer Tanztagen an zwei Abenden in der Französischen Kirche. Und die hier vorherrschenden Farben – schwarz, rot, weiß – ließen (m)einen Erinnerungsstrom sofort in Richtung Nationalsozialismus fließen.
Adi Weinberg und die polnische Tänzerin Liwia Bargieł-Kiełbowicz haben anfangs ein riesiges, glänzendes rotes Tuch zwischen ihre Leiber gepresst. Diese hochenergetische Farbe kann verschiedene Zustände symbolisieren. Bei mir sind es augenblicklich "Blut" und viel später "Liebe".

Ersteres drängt sich aufgrund der Gräueltaten des 20. Jahrhunderts und vermehrt auch in der Gegenwart direkt auf. Es dauert lange, bis beide Frauen ihre trauernd-umschlungene Haltung aufgeben und das riesige rote Tuch zwischen sich entfalten können.
Und dann beginnt bei jeder von ihnen so etwas wie "Erinnerungsarbeit". Adi Weinbergs gesamter Körper zuckt und krampft, wenn sie sich unter das "Bluttuch" begibt respektive wenn sie sich wieder von ihm entfernt hat.
Liwia Bargieł-Kiełbowicz ist ebenfalls angespannt und versucht mit fahrigen Fingern die rote Flut in kunstvolle Falten zu legen. Bargieł-Kiełbowicz, die oft mit Bildenden Künstlern zusammenarbeitet, ist es auch, deren Kopf zuerst von dem Tuch vollständig verhüllt wird und die damit direkt Bezug auf René Magrittes berühmte Bilderserie "Die Liebenden" nimmt.

Hier kommt die zweite machtvolle Energie ins Spiel. Beide Tänzerinnen leisten jetzt Erinnerungsarbeit in Bezug auf ihre Beziehung/auf Beziehungen von Frauen. Ein Zitat der französischen feministischen Psychoanalytikerin Luce Irigaray, mit dem "Undercurrents" überschrieben ist, lässt diesen gewagten Spagat zu.
"Du bist da, wie meine Haut. Die Tatsache, dass du lebst, lässt mich wissen, dass ich lebe, Solange du weder mein Gegenstück noch meine Kopie bist." Diese Arbeit, die es bedeutet, ein symbiotisches Verhältnis zu verlassen und eigenständig in Beziehung zu sein, leistet eindrucksvoll wiederum Adi Weinberg.
Die irgendwann mit dem zusammengeknüllten Tuch wie ein Embryo daliegt und nicht bereit ist, dieses herzugeben beziehungsweise sich aus der Verknäulung mit ihm/mit sich zu lösen. Diese sehr unterschiedlichen Energien von "Undercurrents" werden durch die Livemusik des Kontabassisten Sébastien Beliah schmerzhaft-berührend vorangetrieben und letztendlich aufgelöst. Ein Abend, der unter die Haut ging …
Astrid Priebs-Tröger
