Welcome to hell

In den bei­den Insze­nie­run­gen des zwei­ten Fes­ti­val­ta­ges, der sich an jugend­li­ches Publi­kum rich­te­te, spiel­ten Mau­ern eine wich­ti­ge Rol­le. In "Payper Play" war es eine die Büh­ne umschlie­ßen­de aus meh­re­ren hun­dert Papp­kar­tons und in "This wall has no tit­le" waren es Stein­mau­ern, die sich in Stadt­räu­men befin­den und mit StreetArt ver­se­hen waren.

Bei­de Insze­nie­run­gen stamm­ten von ita­lie­ni­schen Choreograf*innen, die zum ers­ten Mal in der Pots­da­mer fabrik zu Gast waren. Und sie zeig­ten in künst­le­risch sehr unter­schied­li­cher Art nach­hal­tig ver­stö­ren­de Bil­der, die an die (Alb-)Träume der west­li­chen Welt und deren gera­de sicht­bar wer­den­den Kon­se­quen­zen rührten.

This wall has no title/Martina La Ragio­ne, Foto: Meh­met Vanlii

In "This wall has no tit­le"  von Mar­ti­na La Ragio­ne kor­re­spon­dier­te die Ein­gangs­se­quenz mit René Magrit­tes berühm­tem sur­rea­lis­ti­schen Gemäl­de "Die Lie­ben­den" von 1928, auf dem sich ein Mann und eine Frau, deren Köp­fe mit wei­ßen Tüchern voll­stän­dig ver­hüllt sind, zu küs­sen versuchen.

In den ers­ten Momen­ten von "This wall has no tit­le" sehen wir zwei Men­schen, deren Köp­fe und Ober­kör­per eben­falls weiß ver­hüllt sind und die vor einer wei­ßen Wand eng umschlun­gen, mit nack­ten Bei­nen, die in Boots ste­cken, tän­ze­risch bewe­gen bezie­hungs­wei­se anein­an­der festhalten.

Spä­ter fla­ckern Wort­grup­pen wie "It's a free coun­try", "Wel­co­me to hell" oder "I don't belie­ve anything" über die Wand hin­ter ihnen und die bei­den inzwi­schen unver­hüll­ten Men­schen ver­schwin­den fast voll­stän­dig hin­ter einem zwei­di­men­sio­na­len elek­tro­ni­schen Bar­code, dem sie ledig­lich durch eige­ne Bewe­gung etwas ent­ge­gen­set­zen respek­ti­ve ent­kom­men können.

This wall has no title/Martina La Ragio­ne, Foto: Meh­met Vanlii

In Andrea Cos­tan­zo Mar­ti­nis Urauf­füh­rung "Payper Play" geht es eben­falls um Kom­merz. Pay-per-Play ist ein Begriff aus dem E‑Commerce und bedeu­tet "pro Spiel bezah­len". Das "Spiel" fin­det hier zwi­schen den über­manns­ho­hen Papp­kar­ton­wän­den statt, zwi­schen denen ein Jun­ge im Schlaf­an­zug zuerst traum­wand­le­risch tanzt und bald immer mehr konsumiert.

Weil er zwi­schen den leb­lo­sen Papp­ge­gen­stän­den trotz­dem ein­sam ist, ordert er per Bild­schirm einen "Spiel­ka­me­ra­den", der zwar schnell spie­gel­bild­lich von ihm lernt, mit ihm jedoch kei­ne wirk­li­che Bezie­hung auf­bau­en kann. Die ergibt sich erst, als eine weib­li­che Ergän­zung für den Spiel­ka­me­ra­den eben­falls per Knopf­druck geor­dert wird, und die­se bei­den Kunst­we­sen harmonieren.

Andrea Cos­tan­zo Mar­ti­nis Insze­nie­rung fin­det ori­gi­nel­le und zugleich sub­til nach­wir­ken­de Bil­der über die Macht der Din­ge, die uns inzwi­schen alle beherr­schen; sie zeigt deren Wech­sel­wir­kung mit der mensch­li­chen Psy­che und letzt­end­lich die Ver­nich­tung alles Natür­li­chen, den Men­schen ein­ge­schlos­sen. Auch wenn dies hier betont spie­le­risch und in einer skur­ri­len Traum(tanz-)welt daher­kommt, wird es kon­se­quent bis zum bit­te­ren Ende erzählt.

PAYPERPLAY, Andrea Cos­tan­zo Mar­ti­ni, Foto: Yair Meyuhas

La Ragio­nes "This wall has no tit­le" fin­det für die see­li­sche Verwüstung/Verletzung des moder­nen Men­schen am Schluss aber­mals ein star­kes Bild – die Pro­jek­ti­on einer über­di­men­sio­nier­ten Kin­der­zeich­nung eines Men­schen mit weit auf­ge­ris­se­nem Mund, die wie­der­um Edvard Munchs "Schrei" in Erin­ne­rung ruft. Die­se wird ver­deckt, dann umarmt und schließ­lich "tanzt" Mar­ti­na La Ragio­ne mit ihr.

Doch die Wor­te, die ganz zuletzt über die Tür, durch die alle Stu­dio 4 ver­las­sen, flim­mern –  "laugh now but one day will be in char­ge" – klin­gen ange­sichts des­sen kaum wie eine posi­ti­ve Verheißung.

Astrid Priebs-Trö­ger

Die Arbeit an die­sem Arti­kel wur­de "geför­dert durch die Beauf­trag­te der Bun­des­re­gie­rung für Kul­tur und Medi­en im Pro­gramm NEUSTART KULTUR, [Hilfs­pro­gramm DIS-TANZEN/ tanz:digital/ DIS-TANZ-START] des Dach­ver­band Tanz Deutschland."

23. März 2022 von Textur-Buero
Kategorien: Allgemein, Tanz | Schreibe einen Kommentar

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