Das eigene Fremde – so nah

Was als ers­tes auf­fällt, ist die­ser durch­drin­gen­de Kaf­fee­ge­ruch. Und wirk­lich: meh­re­re Kilo­gramm die­sen "schwar­zen Gol­des" sind auf dem Boden der fabrik ver­streut.

Sie umrah­men bei den Vor­stel­lun­gen von Lia Rodri­gues den gesam­ten Büh­nen- und Zuschau­er­raum. Bei­de Räu­me ver­schmel­zen zu einem und die sonst so kla­re Tren­nung ist – wie so oft bei der bra­si­lia­ni­schen Cho­reo­gra­fin – auf­ge­ho­ben. Wäh­rend man sich zu ori­en­tie­ren ver­sucht, wo man die bes­te Per­spek­ti­ve hat, mischen sich die ers­ten Tänzer*innen unter die Zuschauer*innen.

Das ist ein Prin­zip der ver­stö­rend-berüh­ren­den Anord­nung, in der fast jede*r haut­nah erfährt, wie es sich anfühlt, wenn einem ein/e Fremde/r direkt in die Augen schaut. Denn man kann sich nicht ent­zie­hen, als die inzwi­schen nack­ten und über und über mit Kaf­fee­pul­ver bestäub­ten Tänzer*innen ein­zeln auf einen zukom­men.

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Pres­se­fo­to: Sam­mi Landweer/For the Sky not to Fall

In die­sem Moment kann man nichts ande­res tun, als den/die Andere/n eben­falls anzu­se­hen. Es ist, wie in die See­le des Gegen­übers zu bli­cken – und: man wird selbst erschaut. Für mich der stärks­te Moment die­ses andert­halb­stün­di­gen Abends!

Denn die Inten­si­tät die­ser kur­zen Begeg­nun­gen bringt einen nach innen. Sie greift nach dem (kol­lek­ti­ven) Unbe­wuss­ten, wie es auch die dar­auf­fol­gen­den Sze­nen tun. Die Gesich­ter der Tänzer*innen ver­schwin­den dabei hin­ter zer­ris­se­nen T-Shirts.  Und kopf­lo­se Wesen, die knur­ren, jau­len und brül­len, mischen sich jetzt unters Publi­kum.

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Pres­se­fo­to: Sam­mi Landweer/For the Sky not to Fall

Jetzt kann man das Andere/Fremde (wie­der) bes­ser aus­schlie­ßen und noch viel leich­ter geht dies, als sich die fünf Frau­en und Män­ner als indi­ge­ne Tänzer*innen kos­tü­mie­ren und mit stamp­fen­den Schrit­ten den – jetzt wie­der übli­chen – Büh­nen­raum erobern.

Doch das scheint nur so. Einem Men­schen, dem ich so inten­siv in die Augen geblickt habe, blei­be ich ver­bun­den. Das ist die bes­te Vor­aus­set­zung, um gemein­sam etwas dafür zu tun, den "Him­mel über uns zu beschüt­zen."

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Pres­se­fo­to: Sam­mi Landweer/For the Sky not to Fall

Lia Rodri­gues ließ sich bei "For the Sky not to Fall" vom Yano­ma­mi-Scha­ma­nen Davi Kopena­wa inspi­rie­ren. Und ver­las selbst am Ende ein Mani­fest bra­si­lia­ni­scher Künstler*innen zur Erhal­tung der Demo­kra­tie in ihrem Land.

Dan­ke für die­se inten­si­ve und immer noch nach­wir­ken­de Erfah­rung!

Astrid Priebs-Trö­ger

29. Mai 2016 von Textur-Buero
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