Choreografie als Widerstand

Wie viel­fäl­tig das inhalt­li­che und sti­lis­ti­sche Spek­trum der 29. Pots­da­mer Tanz­ta­ge war, zeig­ten auch zwei Insze­nie­run­gen des Abschluss­wo­chen­en­des: Die süd­ko­rea­ni­sche Pro­duk­ti­on "Let me chan­ge your name", die im Niko­lai­saal zu sehen war und das kana­di­sche Solo­stück "Run­ning Pie­ce", das im T-Werk zur Auf­füh­rung kam.

Run­ning Pie­ce

Ein Mann rennt. Fast eine hal­be Stun­de lang zur vom Lauf­band vor­ge­ge­be­nen Geschwin­dig­keit. Die scheint ihm nichts anzu­ha­ben, denn Fabi­en Piché im Solo­stück "Run­ning Pie­ce" ver­zieht kei­ne Mie­ne dabei. Ab und zu lässt er die Arme bau­meln, manch­mal nickt er mit dem Kopf, aber die Bei­ne tun nahe­zu mecha­nisch ihren Dienst. Aus­dau­ernd und mit hoher Fre­quenz.

Der Mensch ist ein Läu­fer. Und Lau­fen (auch) ein Syn­onym für das Leben. Das wird in "Run­ning Pie­ce" wun­der­bar ath­le­tisch und rhyth­misch, phi­lo­so­phisch und poe­tisch erzählt. Man schaut dem Läu­fer gebannt dabei zu, selbst die anfäng­li­che und andau­ern­de Ein­för­mig­keit ent­wi­ckelt einen medi­ta­ti­ven Sog. Doch ganz all­mäh­lich wird der Läu­fer lang­sa­mer, gerät ins Tru­deln und ins Trip­peln. Doch noch kämpft er dage­gen an und eines wird klar: Still­stand ist zu ver­mei­den.

Run­ning pie­ce, Foto: David Men­do­za Hélai­ne

Aber der Mensch ist kein Per­pe­tu­um Mobi­le. Und trotz immenser phy­si­scher und men­ta­ler Res­sour­cen nicht dazu gemacht, immer wei­ter zu lau­fen. Er braucht Erho­lung, neue Impul­se, letzt­end­lich Krea­ti­vi­tät, um durch das/sein Leben zu gehen/zu lau­fen. Und er kann sich auch nicht unbe­grenzt an das von Maschi­nen vor­ge­ge­be­ne Tem­po anpas­sen. Wenn ihm das (schmerz­lich) bewusst wird, kommt es meis­tens zur Kri­se. So auch in "Run­ning Pie­ce", als auch die­ser durch­trai­nier­te Kör­per nach Ruhe ver­langt und gegen die Stim­men im eige­nen Kopf nicht mehr anzu­kämp­fen ist.

Dass Kri­sen auch meis­tens Chan­cen sind, erfährt auch der Läu­fer auf dem Band. Er geht in die Knie, er stol­pert, läuft rück­wärts mit gro­ßer Anstren­gung, geht in die "fal­sche" Rich­tung, sucht eine neue Balan­ce, wirkt unend­lich höl­zern und ver­sucht es auch mit Mar­schie­ren. Und: er beginnt dem Lauf­band, des­sen Ursprung bis in das 19. Jahr­hun­dert zurück­reicht und das somit auch als Syn­onym für umfas­sen­de Technisierung/Kapitalisierung begrif­fen wer­den kann, nach und nach (s)eine eige­ne Geschwin­dig­keit auf­zu­drü­cken.

Run­ning pie­ce, Foto: David Men­do­za Hélai­ne

Denn jetzt brei­tet Fabi­en Piché  die Arme aus und nimmt sich tas­tend Raum und Zeit. Wun­der­bar ist das und es wird offen­sicht­lich, wie sehr Lau­fen und Tan­zen zusam­men­ge­hö­ren. Und dass die sich ent­wi­ckeln­de Cho­reo­gra­fie (auch) Wider­stand gegen die vor­ge­ge­be­ne mecha­ni­sche Nor­mie­rung ist. Und wie pro­duk­tiv es ist/sein könn­te, wenn Mensch und Maschi­ne sich wech­sel­sei­tig beein­flus­sen und nicht die Effi­zi­enz von Maschi­nen und Men­schen als all­um­fas­sen­des Kri­te­ri­um für Fort­schritt gilt.

"Run­ning Pie­ce" ist auch ein berüh­ren­der Lebenstanz. Es zeigt in einer unge­mein inten­si­ven  Stun­de die unter­schied­li­chen Lebens­pha­sen und auch die Furcht vor dem Ende, das hier dar­in bestün­de, ste­hen­zu­blei­ben und somit vom Band zu kip­pen. Groß­ar­tig und nahe­zu uto­pisch an der kana­di­schen Insze­nie­rung von Jac­ques Poulin-Denis ist, wie "ein­fach" es ist, den vor­ge­ge­be­nen respek­ti­ve ein­ge­fah­re­nen Bah­nen zu ent­kom­men: ein ein­fa­cher Rich­tungs- und Per­spek­tiv­wech­sel und das Ver­trau­en in die mensch­li­che Krea­ti­vi­tät reicht aus, um neue Impul­se zu set­zen.

Die 29. Pots­da­mer Tanz­ta­ge – ein Resü­mee

Mehr als 6500 Zuschau­er haben die 24 Auf­füh­run­gen in die­sem Jahr besucht. Von denen mehr als die Hälf­te aus­ver­kauft war. Das Fes­ti­val, das erst­ma­lig in sei­ner fast 30jährigen Geschich­te unter einem über­grei­fen­den Mot­to stand – 100 Jah­re Bauhaus/Dancing Future – war, wie Fes­ti­val­lei­ter Sven Till im Gespräch sag­te, dank Betei­li­gung des Bun­des auch zum ers­ten Mal aus­kömm­lich finan­ziert. Dadurch und durch einen Vor­lauf von zwei­ein­halb Jah­ren konn­te das Fes­ti­val auch über die­sen län­ge­ren Zeit­raum kon­ti­nu­ier­lich ent­wi­ckelt und geplant wer­den.

Para­des & Chan­ges, Foto: Jérô­me Dela­tour

Das 29.  deck­te mit sei­nen zwei Dut­zend Insze­nie­run­gen, die sich sowohl mit den Bau­haus Anfän­gen – dem Tria­di­schen Bal­lett von Oskar Schlem­mer – als auch dem Erbe aus­ein­an­der­setz­ten, einen Zeit­raum von fast 100 Jah­ren Tanz­ge­schich­te und –pro­duk­ti­on ab.

Her­aus­ra­gend dabei die Wie­der­ent­de­ckung der Per­for­mance­kunst von Anna Hal­prin der frü­hen 1960er Jah­re, die in "Para­des & Chan­ges" mit star­kem Gegen­warts­be­zug wie­der­erweckt wur­de oder die Neu­be­ar­bei­tung von "Formas Bre­ves" der Bra­si­lia­ne­rin Lia Rodri­gues. Groß­ar­tig auch die viel­schich­ti­ge Aus­ein­an­der­set­zung mit dem künst­le­ri­schen Ent­wick­lungs­pro­zess und den dazu­ge­hö­ri­gen sozia­len Pro­zes­sen in "How to pro­ceed" von Tho­mas Hau­ert, der wie "Run­ning Pie­ce" künst­le­ri­sche Pro­zes­se als Blau­pau­se für gesell­schaft­li­che Ent­wick­lun­gen nimmt.

Let me chan­ge your name, Foto: Eun­ji Park

Meh­re­re Pro­duk­tio­nen wid­me­ten sich auch dem The­ma "Mensch und Maschi­ne" im Zeit­al­ter der fort­schrei­ten­den Digi­ta­li­sie­rung. Ein über­wäl­ti­gen­des und unge­mein sinn­li­ches Tanz­er­leb­nis ermög­lich­ten dabei die New­co­mer der Pots­da­mer Tanz­ta­ge – die jun­gen Cho­reo­gra­fen Jonas & Lan­der aus Lis­sa­bon, denen mit "Len­to e Lar­go" ein ech­ter Über­ra­schungs­coup gelang und mit denen ich mir unbe­dingt ein Wie­der­se­hen wün­sche.

Astrid Priebs-Trö­ger

 

 

 

 

 

 

 

27. Mai 2019 von Textur-Buero
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