Der kleine Frieden

Der Zahn der Zeit scheint ihnen nichts anha­ben zu kön­nen. Bei­de Tän­zer sind um die fünf­zig und bewäl­ti­gen den Par­cours in der engen Box mühe­los. Und ihr Stück "Pan­do­ra 88" begeis­tert auch noch zwölf Jah­re nach sei­ner Pre­mie­re die Zuschauer*innen.

Was Wolf­gang Hoff­mann und Sven Till, die bei­den Tän­zer-Cho­reo­gra­fen kre­ieren, ist eine sehr detail­lier­te, sehr per­sön­li­che und zugleich unge­mein uni­ver­sel­le Bezie­hungs- stu­die. Bei­de sind seit 1988 eng befreun­det. Sie grün­de­ten in den wil­den Wen­de­jah­ren gemein­sam mit ande­ren Tan­z­en­thu­si­as­ten die Pots­da­mer fabrik und arbei­ten noch heu­te für den Tanz.

Zwi­schen ihnen stimmt die Che­mie, wie man umgangs­sprach­lich sagt. Das ist auch Regis­seur Andrew Daw­son auf­ge­fal­len, als er die bei­den vor vie­len Jah­ren beim Kochen in einer klei­nen Küche beob­ach­te­te. Daw­son war fas­zi­niert davon, wie sie sich traum­wand­le­risch auf engs­tem Raum beweg­ten, ohne in Kon­flikt bezie­hungs­wei­se in Kon­kur­renz zu gera­ten.

Denn Letz­te­res ist das, was Män­ner­freund­schaf­ten in der heu­ti­gen Ellen­bo­gen­ge­sell­schaft nicht eben leicht macht. Nur noch zehn Pro­zent der Män­ner geben an, einen wirk­li­chen Freund zu haben. Jeman­den, vor dem man sein Inners­tes nach außen kehrt, ohne die Angst von dem ande­ren ver­letzt zu wer­den. Einen, mit dem man nicht nur Bier trin­ken, son­dern wirk­lich durch Dick und Dünn geht.

Hoff­mann und Till stei­gen betont spie­le­risch in ihre ca. fünf Kubik­me­ter klei­ne Box. Sie erin­nern sich an Kind­heits­ta­ge: "Eins, zwei, drei, vier Eck­stein – alles muss ver­steckt sein" ist eine gemein­sa­me Erfah­rung und wird immer wie­der wach­sen­der Lust zele­briert.

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Das macht auch beim Zuschau­en Spaß, weil man sich auf so engem Raum nicht (ohne wei­te­res) vor­ein­an­der ver­ste­cken kann. Doch das Mit­ein­an­der­spie­len scheint ein gutes Rezept zu sein, dass Bezie­hun­gen gelin­gen. Und Hoff­mann und Till ste­hen dafür vie­le Bewe­gungs- bzw. Berüh­rungs­ide­en und auch jede Men­ge skur­ri­ler Humor zur Ver­fü­gung.

Wäh­rend des­sen geht es immer um Nähe und Distanz, die bei­de sorg­fäl­tig aus­ge­lo­tet wer­den. Die­se Sen­si­bi­li­tät für­ein­an­der ist wun­der­bar anzu­se­hen. Sie lie­fert auch das Stich­wort, das es erlaubt, die­se vor­ge­führ­te Män­ner-Bezie­hung von den her­kömm­li­chen Geschlech­ter­rol­len­ste­reo­ty­pen zu lösen.

Bei­de sind Män­ner, ohne jedoch "typisch männ­lich" zu agie­ren. Sie zei­gen Weich­heit und Stär­ke, Sen­si­bi­li­tät und Aggres­si­on, Wut und Trau­rig­keit, Freu­de und Angst, Krea­ti­vi­tät und Lust. Und so kann ihre sehr per­sön­li­che Geschich­te zur Folie für unzäh­li­ge ande­re Bezie­hungs­ge­schich­ten wer­den. Mann bzw. Frau sitzt davor, und ein ganz eige­ner "Bezie­hungs­film" beginnt sich in Gang zu set­zen.

Kein Wun­der, dass die­se Pro­duk­ti­on seit einem Jahr­zehnt welt­weit erfolg­reich tourt. Sie wirkt heu­te, viel­leicht sogar noch stär­ker als vor zwölf Jah­ren, bei­na­he wie ein Ver­spre­chen. Dass in einer Welt, die sich immer ant­ago­nis­ti­scher und krie­ge­ri­scher gibt – und dar­an sind zumeist Män­ner betei­ligt – doch so eine har­mo­ni­sche und tie­fe Bezie­hung mög­lich ist.

Wobei unter Har­mo­nie nicht "Frie­de, Freu­de, Eier­ku­chen" ver­stan­den wer­den darf. Denn auch Wolf­gang Hoff­mann und Sven Till kom­men an (ihre) Gren­zen in der engen Box. Auch wenn sie sehr lan­ge Kom­pen­sa­ti­ons­mög­lich­kei­ten dafür fin­den. Ja, manch­mal fragt man sich schon, war­um es nicht frü­her zu Kon­flik­ten kommt. Ihr Rezept: In Bewe­gung blei­ben, Unge­wöhn­li­ches ver­su­chen, Spaß haben.

Und doch kommt, was in jeder (offe­nen) Bezie­hung kom­men muss: die Sehn­sucht nach Allein­sein, nach Frei­heit, nach Alter­na­ti­ven. Für bei­de. Aber selbst in die­ser Situa­ti­on koope­rie­ren sie, bie­tet einer dem Ande­ren Unter­stüt­zung an und ermög­licht ihm auf den eige­nen Schul­tern den Aus­stieg, ohne selbst die­se Mög­lich­keit in Anspruch neh­men zu wol­len.

Da ist es also wie­der, die­ses Bild von Koope­ra­ti­on statt Kon­kur­renz. Und da es von Män­nern dar­ge­stellt wird, wirkt es umso stär­ker wie eine hoff­nungs­vol­le Uto­pie für alle. Immer noch. Und: Die ursprüng­li­che Büch­se der Pan­do­ra hat­te neben allem Übel auch eine gro­ße Por­ti­on Hoff­nung in sich.

Astrid Priebs-Trö­ger

14. Dezember 2015 von Textur-Buero
Kategorien: Alltagskultur, Tanz | Schlagwörter: , | Schreibe einen Kommentar

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