Romeo meets Julia

Eigent­lich braucht man gar nicht in den Som­mer­ur­laub zu fah­ren, wenn man in Pots­dam lebt. Es reicht, sich am Ufer in der Schiff­bau­er­gas­se nie­der­zu­las­sen. Wenn dann dort noch Kul­tur gebo­ten wird, wie Anfang August die Pre­mie­re des Tanz­thea­ters "Romeo meets Julia II" der Oxy­mo­ron Dance Com­pa­ny, ist das Feri­en­gefühl nahe­zu per­fekt.

Doch: die See­büh­ne hin­ter dem Hans Otto Thea­ter (HOT) wird lei­der viel zu sel­ten bespielt. Die Pots­da­mer Cho­reo­gra­fin Anja Kozik tut dies jedoch schon zum zwei­ten Mal; schon der ers­te Teil von "Romeo meets Julia" kam hier zur Pre­mie­re. Auch jetzt sind die Stu­fen dicht besetzt.

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Foto: Mar­tin Mül­ler

Malerisches Tableau sehnsuchtsvoll in die Ferne blickender Gestalten

Gleich am Anfang eine schö­ne Idee: Die Mit­wir­ken­den – fünf Tänzer*innen aus aller Welt und zwei HOT-Darsteller*innen – kamen vor dem Beginn ein­zeln in die Nähe der oder auf die Büh­ne. So ent­stand nach und nach ein male­ri­sches Tableau sehn­suchts­voll in die Fer­ne bli­cken­der Gestal­ten.

Durch­zie­hen­de Vogel­schwär­me und leuch­ten­der Abend­him­mel inklu­si­ve. Jun­ge Frau­en und Män­ner in som­mer­lich leich­ter Klei­dung, die­se zumeist in schwarz-weiß gehal­ten. Die Aus­schau hal­ten nach der oder dem Rich­ti­gen. Denn natür­lich geht es, in der schon im Namen auf die Shake­speare-Tra­gö­die Bezug neh­men­den, Tanz-Text-Musik-Col­la­ge, um die Lie­be.

"Weltende" als Grundtenor

Eines der stärks­ten und oft genug auch der flüch­tigs­ten mensch­li­chen Gefüh­le! Die Schau­spie­ler Julia­ne Götz und Rene Schwit­tay geben mit dem wech­sel­wei­se vor­ge­tra­ge­nen Text "Welt­ende" von Else Las­ker-Schü­ler auch gleich den Grund­te­nor der halb­stün­di­gen Insze­nie­rung vor: "Es ist ein Wei­nen in der Welt/Als ob der lie­be Gott gestor­ben wär/Und der blei­er­ne Schat­ten, der niederfällt/Lastet grabesschwer/ Komm, wir wol­len uns näher verbergen/Das Leben liegt in aller Herzen/Wie in Särgen./Du! wir wol­len uns tief küssen/Es pocht eine Sehn­sucht an die Welt/An der wir ster­ben müs­sen."

Zum Glück gibt es in der vor­wie­gend melan­cho­lisch gestimm­ten Col­la­ge auch immer wie­der kur­ze Abschnit­te, in der Leich­tig­keit, jugend­li­cher Über­mut und eben­sol­che Dyna­mik über­wie­gen. Dann wer­den aus den Ver­ein­zel­ten zumin­dest beim Tan­zen Paa­re, die eine gemein­sa­me (Körper-)Sprache fin­den oder wenigs­tens Arm in Arm kurz zur Ruhe kom­men im Kreis­lauf ihres ewi­gen Suchens.

Denn auf dem gegen­wär­ti­gen Markt der (Liebes-)Möglichkeiten ist es gar nicht so leicht, eine Ent­schei­dung zu tref­fen und schon gar kei­ne fürs Leben. Die sich seit ein­hun­dert Jah­ren ver­än­dern­den Geschlech­ter- rol­len tun ihr Übri­ges. Ein­fühl­sam unter­malt wird die Insze­nie­rung durch elek­tro­ni­sche Klän­ge von Chris­toph Kozik und Live-Musik am Kon­tra­bass von Mar­cel Sie­gel.

Zu einseitige Sicht auf "die" Liebe?

Doch vor allem zeigt Anja Kozik Getrie­be­ne, die vor sich selbst und ande­ren in Ober- fläch­lich­kei­ten flüch­ten. Und dabei das blut­ro­te Herz, das auf Julia­ne Götz’ wei­ßem Hemd bei­na­he wie ein Mene­te­kel leuch­tet, schlicht­weg über­se­hen. Weil sie, wenn über­haupt, nur sich selbst sehen und wahr­neh­men.

Das schmerzt beim Zuse­hen. Doch man fragt sich auch, ob die­se Sicht nicht zu ein­sei­tig ist. Denn noch immer gibt es Paa­re, die auch im fort­ge­schrit­te­nen Alter noch zusam­men sind. Wenn man ihre Ver­bun­den­heit spürt, glaubt man auch wie­der an die Kraft der Lie­be. Die es schafft, in den jewei­li­gen Höhen und Tie­fen des Lebens kraft­voll oder still mit­zu­schwin­gen.

Astrid Priebs-Trö­ger

Die­ser Text erschien zuerst in den Pots­da­mer Neu­es­ten Nach­rich­ten vom 05.08.2017

 

05. August 2017 von admin
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