Wehrt Euch!

Der Doku­men­tar­film, der am Welt­um­welt­tag im Film­mu­se­um gezeigt wur­de, beginnt mit idyl­li­schen Bil­dern: Ein klei­ner Ort in Süd­ti­rol, wie mit Holz­bau­klötz­chen gebaut, liegt in einem Tal, umringt von schnee­be­deck­ten Ber­gen, ein sma­ragd­grü­ner See ist inklu­si­ve.

Doch der mär­chen­haf­te Schein trügt. "Es war ein­mal ein Dorf", so der Film­spre­cher, "umge­ben von Bereg­nungs­an­la­gen, den Vor­bo­ten der indus­tri­el­len Land­wirt­schaft" – die ste­hen, genau wie die kaum zu über­bli­cken­den Spa­lier­ap­fel-Hecken­rei­hen, mili­tä­risch in Reih und Glied und gra­ben der ein­hei­mi­schen Bevöl­ke­rung nicht nur das Was­ser, son­dern auch die Luft zum Atmen ab.

Denn das Obst wird zwei­mal pro Woche mit einem Pes­ti­zid-Cock­tail gespritzt, damit es äußer­lich makel­los auch in deut­schen Super­märk­ten lan­det. Und die meter­ho­hen Sprüh­ne­bel, die dabei ent­ste­hen,  lan­den wegen der stän­di­gen Wind-Abdrift nicht nur auf den Äpfeln, son­dern auch auf allem, was sich im engen  Tal in der Nähe befin­det: auf spie­len­den Kin­dern, umher­ra­deln­den Tou­ris­ten oder Bio­gärt­ne­rei­en, die dadurch ihre Zer­ti­fi­zie­rung ver­lie­ren.

Vom passiven Widerstand zum zivilen Ungehorsam

Die Doku­men­ta­ti­on "Das Wun­der von Mals" von Alex­an­der Schie­bel, die 2018 in die Kinos kam und bei der 14. Öko­film­tour den Preis der Stadt Pots­dam für die bes­te künst­le­ri­sche Leis­tung gewann, zeigt, wie sich die Bewohner*innen des 5000-See­len­or­tes der schlei­chen­den Ver­gif­tung ihres Lebens­rau­mes ent­ge­gen­stel­len. Und wie aus pas­si­vem Wider­stand Ein­zel­ner zivi­ler Unge­hor­sam eines gan­zen Ortes wird.

Alex­an­der Schie­bel holt in sei­nem sehr authen­ti­schen und berüh­ren­den Film­de­büt unzäh­li­ge Protagonist*innen vor die Kame­ra, die erzäh­len, wie der Wider­stand im Dorf begann: den Kräu­ter­bio­bau­ern, der anfangs nur sei­ne Gärt­ne­rei unter Plas­tik­tun­neln ver­grub, jedoch par­al­lel dazu die  Sprüh­ak­tio­nen film­te und ver­öf­fent­lich­te, den enga­gier­ten Tier­arzt und den cha­ris­ma­ti­schen Apo­the­ker, der suk­zes­si­ve zum Kopf der Bewe­gung wur­de, die in einem Volks­be­geh­ren für ein pes­ti­zid­frei­es Mals gip­fel­te.

Aus vielen kleinen Schritten entsteht eine gemeinsame Idee

Und natür­lich die Frau­en des Ortes, die vie­le der fan­ta­sie­vol­len Aktio­nen, die das Volks­be­geh­ren vor­be­rei­te­ten, ersan­nen und orga­ni­sier­ten. Klas­se und sehr lebens­nah, wie sie erzäh­len, wie aus vie­len klei­nen Schrit­ten eine gemein­sa­me Idee wur­de. Und wie viel Über­win­dung es selbst sie kos­te­te, ihren ange­stamm­ten Nach­barn gegen­über Gesicht und Flag­ge zu zei­gen.

Bei­spiels­wei­se bei der Trans­pa­ren­tak­ti­on "Gesun­de Hei­mat", bei der sie sich schnell einig­ten, "eine posi­ti­ve Bot­schaft aus­zu­sen­den, anstatt die Leu­te zu kri­mi­na­li­sie­ren". Wie rich­tig ihr Bauch­ge­fühl war, zeig­te sich bald, sie erreich­ten vie­le, von denen sie das nicht erwar­tet hat­ten. Schließ­lich kam das Refe­ren­dum zustan­de und 75 Pro­zent der Mal­ser Bürger*innen stimm­ten dafür, dass ihr Gemein­de­ge­biet pes­ti­zid­frei wer­den soll.

Die Mühen der Ebenen gemeinsam überwinden

Aber der mas­si­ve Wider­stand durch Bau­ern­bund, Regio­nal­re­gie­rung und Dün­ge­mit­tel­in­dus­trie wuss­te dies (vor­erst) zu ver­hin­dern und der ener­gi­schen Bür­ger­initia­ti­ve stan­den die Mühen der Ebe­nen noch bevor. Nach viel Wut und auch depres­si­ven Momen­ten kämpf­ten die Frau­en und Män­ner mit Unter­stüt­zung ihres Bür­ger­meis­ters wei­ter.

Ihr Prag­ma­tis­mus, ihre Hei­mat­lie­be und auch ihre Reli­gio­si­tät – Stich­wort: Bewah­rung der Schöp­fung – hal­fen ihnen, den jah­re­lan­gen Kampf zu bestehen. Er schweiß­te das Dorf wie das berühm­te gal­li­sche Vor­bild nur enger zusam­men. Nicht nur ein Gän­se­h­aut­mo­ment im Film zeig­te, dass der Kampf David gegen Goli­ath immer noch oder immer wie­der neu zu gewin­nen ist.

Der Film, der bis­her von 1725 Men­schen aus­schließ­lich über Crowd­fun­ding finan­ziert wur­de, kann gegen eine Gebühr direkt beim Ver­leih ange­for­dert und auf­ge­führt wer­den.

Astrid Priebs-Trö­ger

Wei­te­re Infor­ma­tio­nen unter http://wundervonmals.com/vorfuehrung/

Die­ser Arti­kel erschien zuerst in den Pots­da­mer Neu­es­ten Nach­rich­ten vom 07.06.19

07. Juni 2019 von Textur-Buero
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