Verletzlich sein …

Mit "Shard" (Scher­be) von Ceren Oran und Moving Bor­ders wur­de am 11. Sep­tem­ber die neue Spiel­zeit der fabrik Pots­dam eröff­net. Und die­ses berüh­ren­de Solo­stück mit Jova­na Zel­e­no­vič hät­te an die­sem Ter­min kaum bes­ser pas­sen können.

Denn in "Shard" geht es um post­trau­ma­ti­sche Belas­tungs­stö­run­gen, ihre Aus­wir­kun­gen auf Betrof­fe­ne und den Umgang die­ser und ihrer Umge­bung damit. Das Stück beginnt in Stil­le und im Dun­kel, bis ein dump­fer Knall ertönt, der einem buch­stäb­lich in die Glie­der fährt und in einen ener­vie­ren­den Ton über­geht, der lan­ge andauert.

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Die Per­for­me­rin sitzt plötz­lich mit im gro­ßen Stuhl­kreis der Zuschau­en­den, mit geschlos­se­nen Augen, ver­krampf­ten Zehen und ver­dreh­ten Bei­nen. Ihr gan­zer Kör­per ist in Anspan­nung, es scheint, als gehor­che bezie­hungs­wei­se gehö­re er ihr nicht (mehr). Er ist wie zwei­ge­teilt, in Oben und Unten, und sie als Indi­vi­du­um wirkt dabei selt­sam abwesend.

Auch ihr ers­ter kur­zer Ver­such der Berüh­rung ihrer Sitz­nach­ba­rin schei­tert, und Jova­na Zel­e­no­vič, die die­se Rol­le unge­mein sen­si­bel und sehr akro­ba­tisch per­formt, bleibt in ihrer dis­so­nan­ten, kopf­lo­sen Stim­mung erin­nert auch an den Käfer in Kaf­kas berühm­ter Erzählung.

Ihre Iso­la­ti­on – in Kör­per und Geist – ist förm­lich mit den Hän­den zu grei­fen, obwohl sie immer wie­der ver­sucht, "nor­mal" zu "funk­tio­nie­ren"  und dabei in star­ke Unru­he und Rast­lo­sig­keit gerät. Irgend­wann fängt ihr Kör­per an zu zucken und zu schüt­teln und in die­sem Augen­blick, im Auge des Vul­kans, tritt aber­mals Stil­le und Dun­kel­heit ein.

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Ihre Ein­sam­keit – sie liegt schwer atmend in embryo­na­ler Hal­tung am Boden – könn­te kaum grö­ßer sein, und Schat­ten­bil­der wie Stä­be illus­trie­ren ihr grau­sa­mes Kör­per-Geist-Gefäng­nis. Lang­sam stellt sich ein neu­er Ton (Musik: Ben­ny Omer­zell) ein und Zel­e­no­vič rich­tet sich lang­sam auf und sucht mit zit­tern­den Hän­den erneut Kon­takt zur "Außen­welt".

End­lich setzt sich eine jun­ge Frau aus dem Stuhl­kreis in Bewe­gung. Sie setzt sich mit Abstand hin­ter die immer noch ver­schlos­sen und "fremd" wir­ken­de Per­for­me­rin auf den Boden und erreicht durch ihre stil­le Prä­senz, dass sich ande­re anschlie­ßen, die unter­ein­an­der Blick­kon­takt auf­neh­men kön­nen und irgend­wann auch Jova­na Zel­e­no­vič miteinbeziehen.

Am Ende von "Shard" ent­steht so etwas wie eine sozia­le Plas­tik aus einem Dut­zend Men­schen, die ihre eige­ne Ver­letz­lich­keit im Sin­ne von Berühr­bar­keit und Sen­si­bi­li­tät zei­gen und somit Ein­füh­lung und Halt signa­li­sie­ren. Die so ein­tre­ten­de Befrei­ung von Angst, Wut und Ver­zweif­lung war im fabrik Raum förm­lich mit allen Sin­nen zu spüren.

Astrid Priebs-Trö­ger

12. September 2026 von Textur-Buero
Kategorien: Allgemein, Performance, Tanz | Schlagwörter: , , , , | Schreibe einen Kommentar

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