In der Endlosschleife
Ein blaues Seidenzelt und vier kurze Kafka-Erzählungen standen im Mittelpunkt der philosophisch-poetischen Inszenierung "Zirkus Kafka" des Theaterkollektivs "Tarántula", die in der fabrik Potsdam gastierte.
Neben dem Zelt hing von der Decke ein zusammengebundenes hellblaues Vertikaltuch herab, aus dem sich gleich zu Beginn das verschmitzte Gesicht einer philosophierenden Artistin (Lina Rothaug) streckte.
"Alles, was geschieht, ist nur eine besondere Form des Wartens", wiederholte sie in mehreren Variationen und stimmte damit auf das Kommende, das sich zum größeren Teil im Inneren des halbtransparenten Zeltes abspielte, ein.
Da hinein stürmten kurz darauf sieben Personen mit riesigen grauen Mausköpfen und entfesselten einen bunt-schillernden Zirkus-Kosmos (Regie: Tanja Wehling) mit sich immer wieder wiederholenden Auftritten von Kafkas Hungerkünstler, seinem berühmten Affen Rotpeter und der singenden Maus Josefine.
Das fabrik-Publikum konnte dies lange nur wie von "außerhalb" erleben und wurde zusätzlich durch stetige Kommentare aus dem Off wie – Bei dem Preis muss man es zu Ende gucken! – konditioniert, sich dieser Endlosschleife auszusetzen.
Jedoch auch punktuell einbezogen, wenn anfangs der schließlich menschwerdende Affe noch ziemlich animalisch durch die Zuschauerreihen tobt und am Ende gelehrig aus "Ein Bericht für eine Akademie" zitiert.
Und während das Publikum (immer wieder) auf das Außergewöhnliche wartet, verschwimmen die Grenzen zwischen Bühne und Zuschauerraum immer mehr. Alle werden Teil eines Systems, das zugleich verstörend, faszinierend aber auch komisch, kurz gesagt: kafkaesk, wirkt.
Die hochambitionierten Akteure der Theatergruppe Tarántula, die vor 22 Jahren im Offenen Kunstverein entstand, und der viele der heutigen Mitspieler schon seit ihrer Kindheit und Jugend verbunden sind, stellt mit Zirkus Kafka auch die Frage nach der Rolle von Kunst in einer zunehmend absurderen Welt.
Was macht eine Handlung zu Kunst, was kann diese für uns tun und was schulden wir Künstlern? Die "Tarántulas" engagieren sich dafür, dass der "Zirkus" nicht verschwindet und man wenigstens im Theater einen poetischen Augenblick lang seinen Blick, mit dem man auf die Welt blickt, verändern kann.
Astrid Priebs-Tröger
