Hinaus, ins Offene!
Die neueste Inszenierung "Pulcinella!" vom Wandertheater Ton und Kirschen beginnt im t‑Werk mit anhaltendem Donnergrollen und dem meckernden Tanz fünf halbnackter Faunen auf einer Waldlichtung.
Und sie gipfelt in Zarathustras berühmtem Rundgesang "Oh Mensch! Gib Acht!" Dazwischen liegen Dutzende lose aneinander gereihte, zumeist derb komische Szenen, in denen oft mehrere Pulcinella-Figuren in weißen Gewändern und dunklen Gesichtsmasken mit- oder gegeneinander agieren, dabei wild Ball spielen, um die Gunst von hübschen Mädchen buhlen, zischend Spaghetti für den Papst kochen oder den roten Teufel aufhängen (wollen).

Diese quirligen Szenen sind voller (Geschlechter-)Stereotype, viele Schläge klatschen und dicke Tränen rollen. Und sie zeigen in dieser einen Stunde doch auch viele Seiten des (politischen) Welttheaters, in dem (seit langem) die Töne immer schriller werden und der Haussegen – hier der ramponierte Bühnenvorhang – gewaltig schief hängen.

Denn die neapolitanischen Kasperfiguren, deren Mienen hinter den dunklen Vogelmasken nicht zu entschlüsseln sind und die schiefe Buckel, dicke Hintern oder fette Bäuche vor sich her tragen, zeigen nicht nur privates sondern auch öffentliches Drama. Bei Ton und Kirschen beispielsweise die Erschießung von zwei Aufständischen nach ihrer Erhebung oder die Flucht mit einem Dampfschiff – wahrscheinlich nach Amerika – mit eilig gepackten Koffern und nicht vorhandenen Pässen.

Und dann tritt die Prinzipalin (Margarethe Biereye) der mehrsprachigen und internationalen Wandertheatertruppe im gleißend roten Kleid, mit langem weißem Zopf und ohne Maske vor den ausgeblichenen Vorhang und das Publikum rezitiert aus Nietzsches Zarathustra von 1883/84. Nachdem sie zuvor in eine Zeitung geblickt und sich unmittelbar darauf erbrochen hatte.
Das war ein ungewöhnlich deutlicher Bezug zum gegenwärtigen Weltzustand, den Ton und Kirschen sonst oft über poetische Vorgänge herstellen. Doch dann – nach dieser Erschütterung und ihrem tiefen Schmerz – fand die Truppe wieder zu ihrem eigentlichen Element zurück. Artistik, Musik und Gesang erobern die Bühne zurück und die menschlich all zu menschlichen Pulcinella-Figuren werden letztendlich mittels eines riesigen Blasebalgs durch weit geöffnete t‑Werk Türen ins Freie befördert.
Astrid Priebs-Tröger
