Der Lack ist ab …
Und der Putz bröckelt. Nicht nur in dem herunter gekommenen Zimmer in "Staub" vom O‑Team Stuttgart, sondern auch in vielen deutschen Dörfern, Klein- und Großstädten.
"Staub" eröffnete den 2. Unidram-Abend im t‑Werk und legt den Finger in eine tiefe Wunde. Denn die beiden jungen Menschen in grauem Schlabberlook, die in dem maroden Zimmer hausen, schlurfen im Schneckentempo durch den Tag beziehungsweise ihr Leben.

SIE (Antje Töpfer) hockt schon zu Beginn der Material- und Objektperformance mit angezogenen Beinen unter dem kaputten Ausguss, rührt in einem Topf mit abgeblättertem Putz und schleicht schließlich zum (seltsam intakten) Bett auf dem Fußboden und zieht sich die Decke über den Kopf. So sieht (heutzutage) Depression aus …
Während SIE schläft, fallen weitere Tapetenbahnen von der Wand und am nächsten Morgen erscheint ER (Michael Fiedler), um einen genauso monotonen Tag zu überleben, um schließlich ebenfalls ermattet vom Nichts im Bett zu landen.

Das Ganze fühlt sich beinahe wie eine zeitgemäße Variante von "Warten auf Godot" an. Wären da nicht die zwei Aussagen, die der Inszenierung von O‑Team, das schon mehrmals im t‑Werk gastierte, vorangestellt sind.
Einerseits das Bibelzitat "Denn Staub bist du, zum Staub musst du zurück" und andererseits eines von Báyò Akómoláfé, einem nigerianischen Philosophen und Psychologen. Der sagt: Wir haben jetzt die Möglichkeit zu lernen, wie man inmitten des Verfalls lebt … und dies als Chance für die (Weiter-) Entwicklung der Menschheit insgesamt sieht. Oder auch als eine weitere Deutung des ewigen Widerstreits zwischen Haben oder Sein, zwischen Natur und Kultur.

In "Staub" schreitet der materielle Verfall indessen unaufhörlich voran und die beiden Protagonisten geraten in ihrem nebeneinanderher Existieren – sie schreiben (sich) lediglich einige Worte aufs Papier – in einen wütenden, beinahe zombiehaften Tanz.
Denn zwischen dem ganzen Gerümpel liegt auch eine E‑Gitarre, der Michael Fiedler anfangs sehr verstörende Töne und Vibrationen entlockt und die final dann doch so etwas wie "Erlösung" bringt. Denn die vielen (inneren) Geräusche und Stürme der Protagonisten klären und legen sich allmählich und ein schlichtes Lied erklingt.
Viel Beifall für die Stuttgarter, die zu Recht für den diesjährigen deutschen Theaterpreis "Der Faust" nominiert sind. Die künstlerische Leitung für "Staub", das Konzept und den Raum hatten Samuel Hof und Nina Malotta.
Astrid Priebs-Tröger
