Die schöne Zukunft

"Mit der Sowjet­uni­on ver­bun­den für alle Zeit" war die wun­der­ba­re Papier­pup­pen­thea­ter-Auf­füh­rung "Loops & Hoops" aus der tsche­chi­schen Haupt­stadt Prag über­schrie­ben, die den 3. Uni­dram-Abend eröffnete.

Und ich fühl­te mich nahe­zu augen­blick­lich in die real­so­zia­lis­ti­sche Ver­gan­gen­heit zurück­ver­setzt, als ich vor der klei­nen Guck­kas­ten­büh­ne – ein dama­li­ges brau­nes klo­bi­ges Fern­seh­ge­rät vor typi­scher wei­ßer Dede­ron­spit­zen-Gar­di­ne – im flu­xus-Muse­um Platz nahm.

Migač & M. Her­man­no­vá & J. Pichler_Loops & Hoops © Mar­tin Špelda

Mit fas­zi­nie­ren­der Lie­be zum Detail und herr­li­chen iro­ni­schen Ver­knüp­fun­gen spul­ten sich – in Schie­nen gesetzt und von einem Lauf­band gescho­ben – all­täg­li­che Sze­nen aus dem tsche­chi­schen All­tag der 1980er Jah­re ab. The­ma­ti­siert wur­den vor allem des­sen Uni­for­mi­tät und die all­ge­gen­wär­ti­ge Ein­för­mig­keit des Denkens.

Doch so wie Domi­nik Migač, Mar­ta Her­man­no­vá und Jan Pich­ler die rot kos­tü­mier­ten Frau­en­fi­gu­ren, die Ika­rus-Bus­se, Metro-Züge oder Roll­trep­pen beweg­ten und das Zeit­ge­sche­hen über Radio­sen­dun­gen und Sport­ver­an­stal­tun­gen – die berühm­te Spar­ta­kia­de von 1985 im rie­si­gen Stra­hov-Sta­di­on –  illus­trier­ten, bekam ich fast Sehn­sucht nach die­ser Vergangenheit.

Migac‑M.-Hermannova‑J.-Pichler_Loops-Hoops-©-Martin-Spelda

Denn die­ses ana­lo­ge, beschau­li­che Zeit­ge­sche­hen, das in einem gleich­mä­ßi­gen fast poe­ti­schen Fluss an mir vor­bei­zog, ver­mit­tel­te den Ein­druck der Über- und Durch­schau­bar­keit, wovon wir in der heu­ti­gen hoch­kom­ple­xen, schnell­le­bi­gen und über­hitz­ten Welt unüber­schau­bar weit ent­fernt sind. 

Und die Mar­ke Tes­la – abstam­mend vom ser­bisch stäm­mi­gen Inge­nieur und Erfin­der Niko­la Tes­la – noch tsche­chi­sche Glüh­lam­pen, Fern­seh­ge­rä­te und kei­ne ame­ri­ka­ni­schen E‑Autos zier­te. Doch auch die Nost­al­gie­kri­tik ließ in "Loops & Hoops" nicht lan­ge auf sich warten.

Ganz am Ende sang die rus­si­sche Sän­ge­rin Tatia­na Das­kovs­ka­ja herz­zer­rei­ßend ihr Lied "Die schö­ne Zukunft", die dar­in dann doch all­zu beschränkt, klein­ka­riert und ent­mün­di­gend daherkam.

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Um einen zu errei­chen­den glücks­haf­ten Zukunfts­mo­ment ging es auch in der bel­gisch-ita­lie­ni­schen Neu­en Zir­kus-Pro­duk­ti­on "White out",  die kurz dar­auf im hef­ti­gen Schnee­sturm auf der fabrik-Büh­ne laut­stark als Deutsch­land­pre­mie­re tobte.

Ein Berg­stei­ger­trio ver­sucht einen Berg­rie­sen zu bezwin­gen und schei­tert kläg­lich, denn zwei der drei Män­ner über­le­ben die­se wahn­wit­zi­ge Akti­on nicht. "White out" von Pier­gi­or­gio Mila­no rekon­stru­iert in ein­drucks­vol­len Bil­dern das Unglück und zeigt in einer dich­ten und kraft­strot­zen­den Cho­reo­gra­fie die Schön­heit und Inten­si­tät von Bewe­gun­gen beim Ski­fah­ren und Klettern.

Pier­gi­or­gio Milano_White Out © Tors­ten Giesen

Das habe ich so noch nicht gese­hen, aller­dings weist die Dra­ma­tur­gie von "White out" doch eini­ge Schwä­chen auf, ver­zet­telt sich an meh­re­ren Stel­len, um dann ganz am Schluss, dem Publi­kum auch noch die (bana­le) Erkennt­nis "Du musst nicht lei­den, um den Gip­fel dei­ner Träu­me zu errei­chen", sehr direkt aufs But­ter­brot zu schmieren.

Das erin­ner­te mich dann doch zu sehr an das "betreu­te Den­ken" zu real­so­zia­lis­ti­schen Zei­ten, das in der kurz zuvor erleb­ten Insze­nie­rung wenigs­tens humor­voll aufs Tapet gebracht wurde.

Astrid Priebs-Trö­ger

06. November 2026 von Textur-Buero
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