Der Lack ist ab …

Und der Putz brö­ckelt. Nicht nur in dem her­un­ter gekom­me­nen Zim­mer in "Staub" vom O‑Team Stutt­gart, son­dern auch in vie­len deut­schen Dör­fern, Klein- und Großstädten.

"Staub" eröff­ne­te den 2. Uni­dram-Abend im t‑Werk und legt den Fin­ger in eine tie­fe Wun­de. Denn die bei­den jun­gen Men­schen in grau­em Schlab­ber­look, die in dem maro­den Zim­mer hau­sen, schlur­fen im Schne­cken­tem­po durch den Tag bezie­hungs­wei­se ihr Leben.

O‑Team_Staub-©-Markus-Niessner

SIE (Ant­je Töp­fer) hockt schon zu Beginn der Mate­ri­al- und Objekt­per­for­mance mit ange­zo­ge­nen Bei­nen unter dem kaput­ten Aus­guss, rührt in einem Topf mit abge­blät­ter­tem Putz und schleicht schließ­lich zum (selt­sam intak­ten) Bett auf dem Fuß­bo­den und zieht sich die Decke über den Kopf. So sieht (heut­zu­ta­ge) Depres­si­on aus …

Wäh­rend SIE schläft, fal­len wei­te­re Tape­ten­bah­nen von der Wand und am nächs­ten Mor­gen erscheint ER (Micha­el Fied­ler), um einen genau­so mono­to­nen Tag zu über­le­ben, um schließ­lich eben­falls ermat­tet vom Nichts im Bett zu landen.

O‑Team_Staub-©-Markus-Niessner

Das Gan­ze fühlt sich bei­na­he wie eine zeit­ge­mä­ße Vari­an­te von "War­ten auf Godot" an. Wären da nicht die zwei Aus­sa­gen, die der Insze­nie­rung von O‑Team, das schon mehr­mals im t‑Werk gas­tier­te, vor­an­ge­stellt sind.

Einer­seits das Bibel­zi­tat "Denn Staub bist du, zum Staub musst du zurück" und ande­rer­seits eines von Báyò Akó­molá­fé, einem nige­ria­ni­schen Phi­lo­so­phen und Psy­cho­lo­gen. Der sagt: Wir haben jetzt die Mög­lich­keit zu ler­nen, wie man inmit­ten des Ver­falls lebt … und dies als Chan­ce für die (Wei­ter-) Ent­wick­lung der Mensch­heit ins­ge­samt sieht. Oder auch als eine wei­te­re Deu­tung des ewi­gen Wider­streits zwi­schen Haben oder Sein, zwi­schen Natur und Kultur.

O‑Team_Staub-©-Markus-Niessner

In "Staub" schrei­tet der mate­ri­el­le Ver­fall indes­sen unauf­hör­lich vor­an und die bei­den Prot­ago­nis­ten gera­ten in ihrem neben­ein­an­der­her Exis­tie­ren – sie schrei­ben (sich) ledig­lich eini­ge Wor­te aufs Papier – in einen wüten­den, bei­na­he zom­bie­haf­ten Tanz.

Denn zwi­schen dem gan­zen Gerüm­pel liegt auch eine E‑Gitarre, der Micha­el Fied­ler anfangs sehr ver­stö­ren­de Töne und Vibra­tio­nen ent­lockt und die final dann doch so etwas wie "Erlö­sung" bringt. Denn die vie­len (inne­ren) Geräu­sche und Stür­me der Prot­ago­nis­ten klä­ren und legen sich all­mäh­lich und ein schlich­tes Lied erklingt.

Viel Bei­fall für die Stutt­gar­ter, die zu Recht für den dies­jäh­ri­gen deut­schen Thea­ter­preis "Der Faust" nomi­niert sind. Die künst­le­ri­sche Lei­tung für "Staub", das Kon­zept und den Raum hat­ten Samu­el Hof und Nina Malotta.

Astrid Priebs-Trö­ger

05. November 2026 von Textur-Buero
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