Anhängsel: Mensch
Der Unidram-Abschlussabend begann (für mich) mit der Rekonstruktion eines LKW-Crashs auf der Autobahn, zu dem das Maribor Puppet Theatre aus Slowenien ins t‑Werk eingeladen hatte.
Vesna Vončina und Uroš Kaurin, beide in dunkler Arbeitskluft, bewegten darin in deutlich sichtbarer Handarbeit eine komplette Autobahninfrastruktur – Beladezentrum, Parkplatz, Mautstelle, Raststätte – um den Arbeitsalltag des gerade neu eingestellten LKW-Fahrers Milan nacherlebbar werden zu lassen.

Diese Infrastruktur erscheint riesig, kalt und effizient, während die darin arbeitenden Menschen(figuren) winzig wie Ameisen wirken, die (noch) emsig darin herumwuseln, um die (End-)Kundenzufriedenheit, die überall erste Priorität hat, zu jeder Zeit zu gewährleisten.
Dass sie dabei selbst auf der Strecke bleiben, wird weltweit billigend in Kauf genommen. Milans emotional berührende Geschichte, der bei dem Crash stirbt, war ein dramaturgisch perfekter Übergang zur darauffolgenden Deutschlandpremiere "META" der Oriantheatre Dance Company von Mehdi Farajpour.
Eine rückwärts laufende digitale Zeitanzeige und polyphone Minimalmusik von Steve Reich gaben darin den Takt an. Entstanden ist das knapp einstündige Werk, das an der Schnittstelle von bildender und darstellender Kunst angesiedelt ist, bereits 2019. Und es hat seitdem nichts von seiner Aktualität eingebüßt.

In der HOT-Reithalle standen sich zwei Zuschauerpodeste direkt gegenüber. Auf dem einen saßen die Zuschauer, auf dem anderen 11 Performer in unterschiedlicher, weißer Bekleidung. Die meisten von ihnen waren jung, doch ein alter Mann mit freiem Oberkörper nahm ganz in der Nähe der rastlos blinkenden Zeitanzeige Platz.
Er ist es auch, für den die Zeit am schnellsten zu ticken scheint. Die insgesamt vier Männer und sieben Frauen verharren anfangs in unterschiedlichen Posen des Wartens, manche entspannt, andere nervös mit Händen oder Füßen wippend.
Im ersten Drittel der Performance erreichen sie in ihren Bewegungen eine gewisse Synchronizität, die zwar mehrmals unterbrochen wird, um dann automatisch wieder neu zu entstehen. Als Betrachtende fragte ich mich bald nach dem Sinn des Ganzen, denn diese flackernde Schwarz-Weiß Choreografie mit ihrer auf- und abschwellenden elektronischen Tonspur zerrte an meinen Nerven.
Wie in "Transport: Cargo" wirkten auch in "META" die menschlichen Gestalten wie – noch notwendige – Anhängsel. Sie sind in diesem unaufhörlichen Zeitstrom gefangen, zeigen weder emotionale Regungen, noch Eigenheiten, keinen individuellen Charakter. Zwar gibt es diese drei Ausnahmen, den alten Mann, und zwei Frauen, die so etwas wie Verweigerung und Ausbruch wagen, doch letztendlich wie alle im Zeitstrom mitschwimmen müssen.
Sie spiegeln so unsere eigene Situation in dieser chaotischen Gegenwart, die nicht eines weltweiten Crashs sondern anderer Denk- und Handlungsansätze bedarf. Das 32. Unidram-Festival legte wie schon so oft seinen Finger in viele gegenwärtige Wunden und zog damit in fünf Tagen 2000 Besucher an.
Astrid Priebs-Tröger
