Kurz vor dem Fall(en)

Sur­re­al begann und alb­traum­haft ende­te der ers­te Abend des jun­gen Figu­ren­thea­ter­fes­ti­vals RADAR, das bis Sams­tag im T-Werk statt­fin­det. Denn ver­schie­de­ne Chi­mä­ren – Misch­we­sen zwi­schen Tier und Mensch – bevöl­ker­ten die "Just befo­re Fal­ling"- Auf­füh­rung des Köl­ner El Cuco Pro­jekts.

Und wer öfter sehr bild­haft träumt, weiß, wie kom­pli­ziert es ist, ande­ren davon zu erzäh­len. So ähn­lich ergeht es einem mit die­ser in ihren Abläu­fen ratio­nal kaum fass­ba­ren Per­for­mance.

"Just befo­re Fal­ling" beginnt im Zwie­licht. Eine Ech­se mit mensch­li­chen Glied­ma­ßen schiebt sich majes­tä­tisch aus einem ima­gi­nä­ren (Ur-)Wald. Als sie als tie­ri­sches Misch­we­sen deut­lich zu erken­nen ist, bricht die Sze­ne ab. Dun­kel.

Just befo­re falling/Foto: Julia Fran­ken

Kurz dar­auf sieht man ein erleuch­te­tes Zim­mer, mit einer Kom­mo­de und Bil­der an den Wän­den. Auf der Kom­mo­de steht eine Vase, dane­ben eine Scha­le. Aus dem Nichts taucht wie­der­um eine Ech­se auf.

Die­se scheint mehr Mensch als Tier, bewegt sich auf­recht auf zwei Bei­nen und macht sich in dem Zim­mer zu schaf­fen: eine Blu­me lan­det in der blau­en Vase, eine Mün­ze fällt klir­rend in die dane­ben ste­hen­de Scha­le und ein roter Regen­schirm wird auf­ge­spannt und zuge­klappt und in einer alten Milch­kan­ne ver­staut.

Die­ser Vor­gang wie­der­holt sich mehr als ein hal­bes Dut­zend Mal; immer wie­der mit Blacks dazwi­schen und jedes Mal wan­dert die Vase – spä­ter vier wei­te­re – ein Stück wei­ter an die Kan­te der Kom­mo­de und droht her­un­ter­zu­fal­len.

Dazu kom­men Wor­te aus dem Off, die den Vor­gang des Fal­lens phy­si­ka­lisch zu erklä­ren ver­su­chen. Aber auch das ist kei­ne wirk­li­che "Erklä­rung" für das, was gera­de geschieht.

Plötz­lich wech­selt die Per­so­na­ge; aus den bei­den Ech­sen wer­den Vogel­men­schen, schließ­lich kom­men auch Fle­der­maus­men­schen in die­ses Zim­mer, des­sen zwei Wän­de abrupt abge­schnit­ten und des­sen Vasen im frei­en Fal­len jedoch nicht am Auf­pral­len und/oder Zer­sprin­gen sind.

Just befo­re fal­ling, Foto: Julia Fran­ken

Und eine Stim­me aus dem Off erzählt u.a., dass jemand, der mit dem Schlüs­sel eine Tür auf­schlie­ßen will, weder das Schloss noch eine Tür, noch eine Wand, noch ein Haus fin­det und so wei­ter. Der kaf­ka­es­ke Alb­druck steigt in der eige­nen Fan­ta­sie wei­ter an, ein dunk­les Grol­len in der Insze­nie­rung unter­malt ihn und die Fle­der­maus­men­schen­tie­re hal­ten zit­ternd ein­an­der fest.

Auf dem Höhe­punkt die­ses immer stär­ker irr­lich­tern­den Gesche­hens zeigt mög­li­cher­wei­se ein Bild an der Wand, wo die Rei­se eigent­lich hin­geht. Auf ihm ist ein Haus mit drei sturm­ge­beu­tel­ten Bäu­men zu sehen; einer der Fle­der­maus­men­schen reißt jetzt das Haus her­aus und das Bild dreht sich an sei­nem Nagel wie ver­rückt um die­se Ach­se.

Spä­tes­tens hier ist das grenz­über­schrei­ten­de Cha­os  per­fekt und die bib­bern­den Fle­der­maus-Men­schen­tie­re las­sen ein­an­der nicht mehr los. Mit dem Com­pu­ter über­form­te Sta­bat-Mater-Musik nach Moti­ven von Vival­di unter­malt die­se Welt­un­ter­gangs­sze­ne­rie, in der es kei­ne Regie­run­gen, kei­ne Men­schen, kei­ne Stra­ßen, kei­ne Honey­moons, kei­ne Geset­ze mehr, son­dern anschei­nend nur noch die­ses eine ban­ge Fle­der­maus­paar gibt.

Just befo­re fal­ling, Foto: Julia Fran­ken

"Vor dem Fal­len" ist eine sog­ar­ti­ge gen­re­über­schrei­ten­de Insze­nie­rung, die man nicht so schnell ver­ges­sen wird. Nicht nur wegen ihrer beson­de­ren Ästhe­tik der fas­zi­nie­ren­den Mensch-Tier-Misch­we­sen, die in der Bil­den­den Kunst bei Hie­ro­ny­mus Bosch oder auch beim Sur­rea­lis­ten Max Ernst beein­dru­cken­de Höhe­punk­te erreich­ten und auf das Unbe­wuss­te des Men­schen zie­len.

Son­dern auch, weil in chao­ti­schen Kri­sen­zei­ten irra­tio­na­le Erklä­rungs­mus­ter und –gefüh­le wie von selbst auf­plop­pen und die Angst vor dem Cha­os, vor dem Nichts zu fassen/zu bebil­dern ver­su­chen.

Und in Zei­ten, in denen Reli­gi­on oder Spi­ri­tua­li­tät ihre Bedeu­tung für vie­le Men­schen ver­lo­ren haben, fei­ern eben auch Sci­ence-Fic­tion, Eso­te­rik, Pseu­do­wis­sen­schaf­ten wie Ufo­lo­gie und auch Erzäh­lun­gen, in denen Rep­ti­loi­de end­gül­tig die Welt­herr­schaft ergrei­fen, als nicht ratio­na­le Erklä­rungs­mus­ter fröh­li­che Urständ.

Apro­pos: EL Cuco bedeu­tet im Spa­ni­schen Mons­ter und wird, ähn­lich wie frü­her in Tei­len des deutsch­spra­chi­gen Raums der But­ze­mann, dort immer noch als Kin­der­schreck benutzt.

Astrid Priebs-Trö­ger

 

 

 

28. Oktober 2021 von Textur-Buero
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