Lineare Vielfalt

1963 kam sie das ers­te Mal mit Tanz in Berüh­rung. Als ihre Mut­ter sie nach dem Tod des Vaters als Neun­jäh­ri­ge zum Bal­lett­un­ter­richt schick­te. Die­ser habe sie geret­tet, sagt Riki von Fal­ken, die seit­dem die­se Lebens­li­nie glei­cher­ma­ßen kon­se­quent wie sen­si­bel ver­folgt und seit mehr als vier Jahr­zehn­ten als Tän­ze­rin und Cho­reo­gra­fin auf der Büh­ne steht.

In die­ser Woche ist sie mit ihrem Stück "Die Archi­tek­tur einer Linie" bei "Made in Pots­dam" in der fabrik zu Gast, mit der sie seit 1990 eng ver­bun­den ist. Denn die fabrik-Grün­der Wolf­gang Hoff­mann und Sven Till kamen kurz nach der Mau­er­öff­nung direkt in die Tanz­fa­brik in West­ber­lin und nah­men bei von Fal­ken selbst Unter­richt und enga­gier­ten sie für die ers­ten fabrik-Kurse.

Denn Riki von Fal­ken, die 1981 von Mar­burg nach West­ber­lin über­ge­sie­delt war, und in der quir­li­gen Tanz­fa­brik bis 1988 tanz­te und mit ihr welt­weit tour­te, hat­te Mit­te der 80er Jah­re immer wie­der Kur­se bei Mer­ce Cun­nig­ham, einem der Weg­be­rei­ter des moder­nen Tan­zes, in New York absol­viert und gab ihr Wis­sen bereit­wil­lig an Gleich­ge­sinn­te wei­ter. Und die­sen bei­den ener­gie­ge­la­de­nen jun­gen Män­nern mit ihren hoch­flie­gen­den Plä­nen ließ sie gern jede Unter­stüt­zung zuteilwerden.

Und weil sie die Ent­wick­lung der Pots­da­mer Tanz­ta­ge immer ver­folg­te, blieb ihre Ver­bin­dung jahr­zehn­te­lang bestehen, obwohl sie nur sel­ten selbst in der fabrik tanz­te, wie 2010 mit "The Geo­me­try of Sepa­ra­ti­on". Geo­me­trie, Archi­tek­tur, Linie – damit sind schon eini­ge Wesens­merk­ma­le ihrer Cho­reo­gra­fien und ihres abs­trak­ten Tanz­stils benannt.

In dem inten­si­ven Film­por­trät "Solo", das man auf ihrer Web­sei­te anse­hen kann, sagt sie, "dass die geo­me­tri­sche Struk­tur das (äuße­re) Cha­os in Schach hält", dass es ihre Inten­ti­on ist, die­sem eine (eige­ne) Ord­nung entgegenzusetzen.

Die­se Struk­tur fällt sofort ins Auge, wenn man sie tan­zen sieht. Hoch auf­ge­rich­tet, mit gestraff­tem Rumpf zir­kelt sie ihre spar­sa­men Bewe­gun­gen in den Raum, es gibt nichts Über­flüs­si­ges, nichts Ver­spiel­tes dar­in. Statt­des­sen star­ke Prä­senz und zurück­hal­ten­de Stren­ge. Und immer wie­der auch Pau­sen, in denen etwas ent­ste­hen darf, ganz so wie es jetzt in "Archi­tek­tur einer Linie" zu erle­ben ist.

Die­ses Pro­jekt, das im Herbst 2019 in den Ber­li­ner Ufer­stu­di­os Pre­mie­re fei­er­te, ist eine kol­lek­ti­ve Arbeit mit fünf Betei­lig­ten aus Pots­dam. Für die Musik zeich­net Ralf Grü­ne­berg aus der fabrik ver­ant­wort­lich, mit dem Riki von Fal­ken bereits seit den 90er Jah­ren zusam­men­ar­bei­tet, die Dra­ma­tur­gie stammt von Kat­ja Kett­ner; Oscar Loe­ser und Cle­mens Kow­al­ski steu­er­ten Video­kunst und Büh­nen­bild bei und Hea­ther Mc Crim­mon die Kostüme.

Nach ihrer über zehn­jäh­ri­gen Solo­kar­rie­re hat­te von Fal­ken das star­ke Bedürf­nis, wie­der in kol­lek­ti­ve Arbeits­pro­zes­se ein­zu­tau­chen. "Die Archi­tek­tur einer Linie" atmet vom ers­ten Moment an eine pro­zess­haf­te Werk­statt­at­mo­sphä­re, man kann direkt erle­ben, wie alles ent­steht. Alle Betei­lig­ten sind auf der Büh­ne, ver­än­dern bei Bedarf und von den Augen des Publi­kums ihre Posi­ti­on, geben eige­ne Impul­se, die gegen­sei­tig auf­ge­grif­fen werden.

Und dazwi­schen bewegt sich die cha­ris­ma­ti­sche Tän­ze­rin und ver­folgt ihre ganz eige­ne Linie. Mit lan­gem Atem und auch immer wie­der mit und in Kri­sen wie der der­zei­ti­gen. Denn ihr Stück hat­te kurz vor Pan­de­mie­be­ginn Pre­mie­re und wei­te­re Auf­füh­run­gen wur­den mehr­fach verschoben.

Für Riki von Fal­ken, die den Zenit ihres Tän­ze­rin­nen­le­bens über­schrit­ten hat, ist dies unwie­der­bring­li­che Zeit. Und doch war sie jeden Tag in ihrem Stu­dio und hat, wie sie sagt, viel geschrie­ben. Denn nur für sich selbst tan­zen, will sie nicht.

Sie sucht die Rei­bung, sowohl mit den am Pro­zess Betei­lig­ten als auch mit den Zuschau­er* innen. Und "Archi­tek­tur einer Linie" ist auch les­bar wie ihre eige­ne Lebens­li­nie: mit Stren­ge und mit Leich­tig­keit, mit Ele­ganz und Cha­os und dem Ver­such, auch erdrü­cken­den Umstän­den – hier: in Gestalt von vie­len hori­zon­ta­len Lini­en – noch etwas abzu­rin­gen und dabei ganz bei sich zu bleiben.

Astrid Priebs-Trö­ger

Die Arbeit an die­sem Arti­kel wur­de „geför­dert durch die Beauf­trag­te der Bun­des­re­gie­rung für Kul­tur und Medi­en im Pro­gramm NEUSTART KULTUR, Hilfs­pro­gramm DIS-TANZEN des Dach­ver­band Tanz Deutschland.“

07. Februar 2022 von Textur-Buero
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