Fragmentierte Bilderfluten

Die­se Insze­nie­rung ist hoch­ak­tu­ell. Nimmt sie doch die Beein­flus­sung des Ein­zel­nen durch digi­ta­le Medi­en – also ein über­aus kom­ple­xes The­ma – ganz ohne Wor­te in den Blick.

Auf­fäl­lig ist bereits der Büh­nen­raum der in der fabrik zur Pre­mie­re gekom­me­nen Kom­bi­nat-Insze­nie­rung "Lost in for­ma­ti­on". Ein etwa drei Meter hohes wei­ßes Halb­rund umran­det ihn bis auf den vor­de­ren Rand gänz­lich. Dort wird er rechts und links von zwei raum­ho­hen, schma­len Pro­jek­ti­ons­flä­chen begrenzt. Die im Ver­lauf der ana­log-digi­ta­len Tanz-Film-Per­for­mance Stück für Stück in der Mit­te zu einer ver­schmel­zen und danach auch wie­der mil­li­me­ter­wei­se aus­ein­an­der rücken.

Doch vor­erst gehört  den bei­den Tän­zern in den dunk­len Trai­nings­an­zü­gen –  Risa Koji­ma und David Pallant – die eben­falls gänz­lich wei­ße Büh­ne. Mit raum­grei­fen­den Bewe­gun­gen und Rück­wärts­rol­len durch­mes­sen sie die­sen „lee­ren“ Raum. Immer wie­der mit den Augen am obe­ren Rand nach Ori­en­tie­rung suchend und ihn mit gro­ßen Schrit­ten und Arm­be­we­gun­gen durch­que­rend, blei­ben sie selt­sam ver­lo­ren, ohne näher defi­nier­ten "Sinn" dar­in zurück.

Fragmentierte Bilderflut absorbiert Aufmerksamkeit

Dies ver­än­dert sich, als sich zu den bei­den Tan­zen­den beweg­te Bil­der auf den vor­de­ren Pro­jek­ti­ons­flä­chen gesel­len.  Anfangs sind die Tän­zer selbst "bruch­stück­haft" dar­auf zu sehen, doch nach und nach flu­ten digi­ta­le Bil­der von mensch­li­chen For­ma­tio­nen wie welt­wei­ten, zum Teil exo­tisch anmu­ten­den Mili­tär­pa­ra­den, von Mara­thon- und Tanz­ver­an­stal­tun­gen, Par­la­ments­sit­zun­gen und Demons­tra­tio­nen oder For­ma­tio­nen von Fall­schirm­sprin­gern die beweg­li­chen Pro­jek­ti­ons­flä­chen und damit die gesam­te Büh­ne.

Dazwi­schen gibt es auch immer wie­der Grup­pen­cho­reo­gra­fi­en, die von Kom­bi­nat extra für die Insze­nie­rung gedreht wur­den. Beein­dru­ckend ist das. Aber: die­se frag­men­tier­te Bil­der­flut absor­biert auch fast die gesam­te (eige­ne) Auf­merk­sam­keit.

Und: das "ana­lo­ge" Tanz­thea­ter ver­schwin­det bei­na­he hin­ter die­sem media­lem Schlei­er. Die bei­den Tän­zer wer­den von den Bil­dern – auch durch das Zusam­men­rü­cken der Pro­jek­ti­ons­flä­chen –  teil­wei­se ver­deckt und ihre Bewe­gun­gen von den mas­sen­haf­ten Bewe­gun­gen auf den Film­se­quen­zen – wie z. B. immer wie­der Stech­schrit­ten – über­la­gert. Doch dazwi­schen ver­su­chen Koji­ma und Pallant in Echt­zeit ihre, eine eige­ne Kör­per­spra­che zu behaup­ten.

Tanztheater hinter medialem Schleier

Wenn bei­spiels­wei­se zwei (Film-)Gruppen mit an Sel­fie-Stä­ben befes­tig­ten Smart­pho­nes bei ihren Schnapp­schüs­sen bei­na­he cho­risch agie­ren, wer­den bei den bei­den Tän­zern die­se Gerä­te schon mal wie Hockey­schlä­ger behan­delt. Und  es pas­siert öfter, dass sie stan­dar­di­sier­te (Gruppen-)Bewegungen unter­lau­fen. Nicht nur, weil sie durch ihre ech­te kör­per­li­che Anwe­sen­heit zei­gen, dass Grup­pen immer aus Ein­zel­nen bestehen. Son­dern auch, weil sie sich in ihren Bewe­gun­gen immer wie­der von den  agie­ren­den Mas­sen abset­zen. Mit Posen, die an Sumo-Rin­ger erin­nern oder wenn Risa Koji­ma ihren Kopf in den Bauch ihres Part­ners rammt und ihn damit lang­sam weg­schiebt.

Doch es fällt einem als Zuschau­en­dem nicht leicht, die­se klei­nen "ana­lo­gen" Details zu erken­nen. Der Titel "Lost in for­ma­ti­on" der Insze­nie­rung der Cho­reo­gra­fin Pau­la E. Paul und des Medi­en­künst­lers Sir­ko Knüp­fer, die jetzt seit zehn Jah­ren als "Kom­bi­nat" zusam­men­wir­ken, spielt mit ver­schie­de­nen Bedeu­tungs­ebe­nen: dem Erlan­gen von bezie­hungs­wei­se der Beein­flus­sung durch Infor­ma­tio­nen. Und auch "lost" ist zwei­deu­tig und kann sowohl Hin­ga­be oder als auch Unter­ge­hen bedeu­ten.

Eigene selektive Wahrnehmung hinterfragen

In "Lost in for­ma­ti­on" ste­hen moder­ne Seh- und auch Erzähl­ge­wohn­hei­ten auf dem Prüf­stand. Es ist, so auch in so einem Bericht, eine "logi­sche"  Erzäh­lung kaum mehr mög­lich. Bil­der­fol­gen  über­la­gern vie­les, feh­len­de Sinn­zu­sam­men­hän­ge ver­selb­stän­di­gen sich – nicht nur dies führt die Per­for­mance in Echt­zeit vor. Und: Das For­ma­li­sier­te bleibt eher haf­ten, die klei­nen Details über­for­dern die Kon­zen­tra­ti­on.

Inso­fern ist "Lost in for­ma­ti­on"  ein star­kes Plä­doy­er dafür, immer wie­der (neue) Prio­ri­tä­ten zu set­zen. Und die eige­ne selek­ti­ve Wahr­neh­mung zu hin­ter­fra­gen.  Sich dabei auf ein kon­kre­tes "Ich" und "Du" zu besin­nen und mit die­sem  direkt zu kom­mu­ni­zie­ren bezie­hungs­wei­se zu inter­agie­ren.

Astrid Priebs-Trö­ger

 

25. November 2019 von Textur-Buero
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