Reise zu den eigenen Wurzeln

Es ist gar nicht so leicht, die Flut der Bil­der, Gedan­ken und Asso­zia­tio­nen zu bün­deln, wenn man "Kyo Shu" – Brie­fe nach Hau­se mit Nori­ko Seki vom Thea­ter Nadi gese­hen hat. Die­ses Bewe­gungs­thea­ter mit Mas­ken und Musik fei­er­te im Sep­tem­ber im T-Werk Pre­mie­re. "Kyo Shu" bedeu­tet im Japa­ni­schen Heim­weh und Herbst­schmerz zugleich und die japa­ni­sche Schau­spie­le­rin Nori­ko Seki, beleuch­tet in der Insze­nie­rung von Ken­neth Geor­ge ihr eige­nes Leben.

Foto: Ste­fan Glo­ede

Doch zuerst sitzt Seki ent­spannt und kon­zen­triert zugleich mit geschlos­se­nen Augen auf einem Hocker und tut nichts. Jeden­falls nichts Sicht­ba­res. Man sieht eine Frau im hal­ben Lotus­sitz, nicht mehr jung, noch nicht alt, die ein­fach da ist. Ein paar Augen­bli­cke spä­ter hat sie ihre dun­kel-blit­zen­den Augen geöff­net und ver­wan­delt sich schnur­stracks in eine fide­le  Alte, die mit ihren Stüh­len und Hockern wie mit alten Bekann­ten redet und  gebückt unter der Last ihrer Jah­re durchs Haus läuft und immer wie­der neue Gäs­te freund­lich und asia­tisch ehr­erbie­tig begrüßt. Ein­ge­spiel­tes Stim­men­ge­wirr unter­malt die­se leb­haf­te Asso­zia­ti­on. Sehr viel Ein­füh­lungs- und Impro­vi­sa­ti­ons­ver­mö­gen bewies Mat­thi­as Peter, der Nori­ko Sekis Rei­se musi­ka­lisch beglei­te­te eine unge­mein dich­te Atmo­sphä­re erzeug­te.

Foto: Ste­fan Glo­ede

Gut gesetzte Brüche in der gesamten Inszenierung

Dann bricht die­ser Erin­ne­rungs­fet­zen plötz­lich ab und Seki ist eine Frau mit­ten im Hier und Jetzt, die atem­los von Auf­ga­be zu Auf­ga­be has­tet. Wun­der­bar, wie sie dies mit zwei Stüh­len und einem Hocker, die als Com­pu­ter, Küche oder Schrank die­nen, fast nur mit Ges­ten erzählt. Und wie, als sie end­lich in Ruhe einen Tee trin­ken will, das Tele­fon klin­gelt und alles zunich­temacht. In einer nächs­ten Sze­ne, die sich anschließt, geht es um ihre Kind­heit in Japan. Auch hier, und dies durch­zieht die gesam­te Insze­nie­rung, wird mit gut gesetz­ten Brü­chen gear­bei­tet.

Man bekommt gar nicht die Gele­gen­heit, sich lan­ge und line­ar in eine der Epi­so­den ein­zu­spin­nen, son­dern folgt Sekis Gedan­ken­sprün­gen und Asso­zia­tio­nen über­rascht und bereit­wil­lig. Auch wenn die erzähl­te Kind­heits­ge­schich­te – das Mäd­chen ver­teil­te die Geld­schei­ne aus dem Porte­mon­naie der Mut­ter über die Brief­käs­ten der Nach­bar­schaft, weil sie dies beim Brief­bo­ten gese­hen hat­te – dann direkt ins Cha­os über­geht. Seki liegt am Boden und kriecht mit ver­bun­de­nen Augen unter jetzt umge­kipp­ten Stüh­len hin­durch –  wahr­schein­lich eine Erin­ne­rung  an das Erd­be­ben von 1995, das auch ihre Geburts­stadt Osa­ka tan­gier­te.

Foto: Ste­fan Glo­ede

Flüchtige Assoziationen und berührende Bilder

Ein Jahr spä­ter ver­ließ Nori­ko Seki ihre Hei­mat und zog hin­aus in die Welt. In der Insze­nie­rung ver­hüllt sie dafür die Stüh­le sorg­fäl­tig mit dün­nen Baum­woll­tü­chern und fal­tet erwar­tungs­froh ein Papier­schiff. Dabei ein­ge­spielt wird der Brief ihres Vaters, in dem die­ser über sei­ne eige­ne Ent­schei­dung reflek­tiert, ob es rich­tig war, vom Land in die Stadt zu gehen. Auch das wie­der nur eine flüch­ti­ge Asso­zia­ti­on und dann kom­men noch ein paar sehr berüh­ren­de Bil­der, der aufs Wesent­li­che redu­zier­ten, wie ein Holz­schnitt anmu­ten­den Insze­nie­rung. Die nicht nur wegen ihrer Brü­che, son­dern auch wegen ihres immer wie­der auf­blit­zen­den Humors über­zeugt.

Seki, die ein hel­les Dop­pel­kleid trägt, wird mit den Baum­woll­tü­chern zur Braut, schließ­lich zur jun­gen Mut­ter dadurch, dass sie ein sol­ches zusam­men­ge­knüllt als Kind lie­be­voll im Arm hält. Spä­tes­tens zu die­sem Zeit­punkt hat Nori­ko Seki fast alle Lebens­sta­tio­nen einer Frau mit wun­der­bar fle­xi­blem Kör­per­ein­satz, aus­sa­ge­kräf­ti­gen Ges­ten und mini­ma­lem Requi­si­ten­ein­satz ver­kör­pert. Kein Wun­der, beruht doch die Insze­nie­rung auf der Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Buch "Der Tanz der Gro­ßen Mut­ter" von Cla­ris­sa Pin­ko­la Estés.

Foto: Ste­fan Glo­ede

Jung sein im Alter und reif sein in der Jugend

Und bei Seki tritt denn auch deren berühm­te Sen­tenz "Jung sein im Alter und reif sein in der Jugend" sehr plas­tisch zuta­ge. Man schaut der wand­lungs­fä­hi­gen Schau­spie­le­rin gern zu  und ist auch nicht über­rascht, dass sie sich dann auch noch in die akkor­de­on­spie­len­de Clow­nin, die sie ja im ‚ech­ten‘ Leben auch ist, ver­wan­delt. Es macht unge­mein Spaß, das spie­le­ri­sche und bewe­gungs­tech­ni­sche Reper­toire von Nori­ko Seki hier so geballt zu sehen und sie so per­sön­lich zu erle­ben.

Und doch nimmt man ihr den "Herbst­schmerz" nicht ganz ab. Viel­leicht, weil Seki selbst für die Rol­le der "wei­sen Frau" doch noch ein wenig zu jung ist. Schön ist aber, dass sie sich für den Lebens­herbst und –win­ter von Frau­en inter­es­siert und den "wei­sen Frau­en" dabei eine wich­ti­ge Rol­le zuer­kennt. Und wenn sie eine von ihnen am Ende mit Mas­ke und gemes­se­nen ritu­el­len Bewe­gun­gen ver­kör­pert, so ist das schau­spie­le­risch über­zeu­gend. Ins­ge­samt ist die­se inti­me Col­la­ge so etwas wie die Ver­ge­wis­se­rung ihrer Wur­zeln und die Ahnung davon, wie wich­tig die­se für den eige­nen Lebens­weg sind.

Astrid Priebs-Trö­ger

Die­ser Text erschien zuerst in den Pots­da­mer Neu­es­ten Nach­rich­ten vom 25.09.17

 

 

26. September 2017 von admin
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