Fett ist politisch!

Fast jede*r hat schon mal vor dem Spie­gel gestan­den und sich für zu "fett" befun­den. Doch wie viel die­ses ganz per­sön­li­che Unbe­ha­gen mit gesell­schaft­li­chen Nor­mie­run­gen zu tun hat, konn­te frau in dem Work­shop "Voll Fett" mit der Akti­vis­tin Mag­da Albrecht am 7. Juli in Pots­dam erleben. 

Die run­de Sozio­lo­gin und Femi­nis­tin von der Mäd­chen­mann­schaft mach­te ihre ers­ten Diä­ter­fah­run­gen schon vor ihrer Ein­schu­lung und zum Glück für vie­le ande­re erwuchs dar­aus die nöti­ge Wider­stands­kraft für poli­ti­sches Enga­ge­ment. Denn anstatt sich den Nor­men anzu­pas­sen, schau­te sie genau­er hin und ent­deck­te wirt­schaft­li­ches und poli­ti­sches Kal­kül, dicke Men­schen beson­ders zu diskriminieren.

Chub­by Women – Mol­li­ge Frau­en“ des chi­ne­si­schen Künst­lers Xu Hong­fei im Rah­men der Open Air-Aus­stel­lung „Peace & Future“ 2015 in Berlin

1997 beschloss die WHO, dass ein Mensch mit einem Body-Mass-Index (BMI) von 25 als über­ge­wich­tig und ab einem Wert von 30 als krank­haft über­ge­wich­tig gilt. Zur Erin­ne­rung: der BMI errech­net sich aus dem Quo­ti­en­ten von Kör­per­ge­wicht durch Kör­per­grö­ße. Letz­te­re wird vor­her mit sich selbst mul­ti­pli­ziert. Das Gan­ze wur­de "erfun­den", um der "Gesund­heits­in­dus­trie" ste­tig stei­gen­de Umsät­ze zu ermög­li­chen bzw. um die Schä­den, die die "Lebens­mit­tel­in­dus­trie" anrich­tet, zu begrenzen.

Ich habe die 30 inzwi­schen erreicht und weiß jetzt, dass ich des­we­gen in Deutsch­land nicht ver­be­am­tet wer­den kann! Damit, dass es für mei­ne Figur kaum schi­cke Klei­dung gibt, habe ich mich abge­fun­den. Doch dass mir wegen mei­nes Gewichts auch direk­te beruf­li­che Dis­kri­mi­nie­rung droht, kann und will ich nicht hin­neh­men!! Übri­gens pas­siert das gleich im Zusam­men­hang mit Alters­dis­kri­mi­nie­rung, wenn man etwa die Fünf­zig über­schrit­ten hat.

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Floa­ting 2“ des chi­ne­si­schen Künst­lers Xu Hong­fei im Rah­men der Open Air-Aus­stel­lung „Peace & Future“ 2015 in Berlin

Aber zurück zum Work­shop. Da saßen über drei­ßig jün­ge­re und älte­re Frau­en aus Deutsch­land, Polen und Spa­ni­en zusam­men, die auf mehr oder min­der sub­ti­le Art Erfah­run­gen damit hat­ten, wegen ihres "Über-" oder "Unter"-Gewichts ange­grif­fen zu wer­den. Eini­ge berich­te­ten davon, wie sie schon als Kin­der gemaß­re­gelt wur­den und ent­we­der Diät hal­ten oder Sah­ne essen muss­ten. Bis zum Kotzen!

Eine wun­der­bar run­de, attrak­ti­ve und (eigent­lich) in sich ruhen­de jun­ge Frau erzähl­te sehr bewegt, dass ihr ande­re gesagt hät­ten, sie wür­den sich umbrin­gen, wenn sie ihre Figur besä­ßen! Das ist kein Mär­chen und lei­der auch kei­ne ein­ma­li­ge Erfahrung.

Mag­da Albrecht leg­te im Work­shop ihr beson­de­res Augen­merk auf Empower­ment. In Klein­grup­pen wur­de "Eine Kaf­fee­tas­se vol­ler Ideen" ent­wi­ckelt, die bei der Bewäl­ti­gung dis­kri­mi­nie­ren­der Situa­tio­nen hel­fen kön­nen: Sich weh­ren und ande­ren hel­fen, gegen Dis­kri­mi­nie­rung aktiv ein­zu­schrei­ten. Und nicht zuletzt ein paar fik­ti­ve Bil­der: die eige­nen Mas­sen gegen Angrei­fer ein­set­zen, die Atta­ckie­ren­den ein­fach "auf­fres­sen".  Und: Wir brau­chen ein­fach mehr attrak­ti­ve "dicke" Vorbilder.

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Chub­by Women – Mol­li­ge Frau­en“ des chi­ne­si­schen Künst­lers Xu Hong­fei im Rah­men der Open Air-Aus­stel­lung „Peace & Future“ 2015 in Berlin

Doch ganz oben steht die Ent­wick­lung eines gesun­den Selbst­be­wusst­seins. Dazu gehört, zu sich und sei­nem wie auch immer pro­por­tio­nier­ten Kör­per zu ste­hen. Und ihn als nur einen (wich­ti­gen) Teil der Per­sön­lich­keit zu begreifen.

Denn frau ist außer­dem noch: klug, krea­tiv, sen­si­bel, eigen­wil­lig, gedul­dig, lie­be­voll, ernst, mutig, gewis­sen­haft, zuver­läs­sig, freund­lich, auf­merk­sam, genuss­voll, künst­le­risch, chao­tisch, kri­tik­fä­hig, nach­denk­lich, sinn­lich, neu­gie­rig, fair, offen, ver­spielt, fröh­lich, lau­nisch und und und.

Astrid Priebs-Trö­ger

08. Juli 2016 von admin
Kategorien: Allgemein, Alltagskultur | Schlagwörter: , , , | 2 Kommentare

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