Vom L(i)eben und Sterben

Was für ein Abend! Gleich zwei­mal ging es am drit­ten Fes­ti­val­tag ums Leben, Lie­ben und Ster­ben. Und zwar in sehr unter­schied­lich tem­pe­rier­ter Art und Weise.

Das Bewe­gungs­thea­ter­duo Dja­l­ma Pri­mor­di­al Sci­ence aus Frank­reich lud zu sei­ner Deutsch­land­pre­mie­re von "Die Hän­de von l´Argentiére" in die Schin­kel­hal­le ein.

Dort lag auf einer weiß aus­ge­schla­ge­nen Büh­ne ein Mann auf einem weiß­be­zo­ge­nen Bett – mit einem Akkor­de­on auf dem Bauch. Ganz still war es und erst lang­sam hör­te man, dass aus die­sem Instru­ment Luft ent­wich. Das klang bei­na­he wie Mee­res­rau­schen oder geräusch­vol­les Atmen des Mannes.

Dja­l­ma-Pri­mor­di­al-Sci­en­ce/­Die-Haen­de-von-lAr­gen­tie­re, ©Mat­hil­de Negre

Die­se poe­ti­sche Mehr­deu­tig­keit zog sich von Anfang an wie ein roter Faden durch die eher stil­le, wie aus Vexier­bil­dern gemach­te Insze­nie­rung. Ephia Gbu­rek und Vin­cent Valen­te wech­seln dar­in oft und bei­na­he naht­los die Rollen.

Am Anfang liegt er im Kran­ken­zim­mer, stirbt schließ­lich, als sein Akkor­de­on von sei­nem Bauch und er vom Bett rutscht. Dem Instru­ment ent­weicht – jetzt ist er gleich­zei­tig wie­der Spie­ler – ein lan­ger, fast sakra­ler Kla­ge­ton, der Trau­er fühl­bar macht.

Dja­l­ma-Pri­mor­di­al-Sci­en­ce/­Die-Haen­de-von-lAr­gen­tie­re, ©Mat­hil­de Negre

Die Kran­ken­zim­mer­sze­ne­rien dau­ern an, auch hier ist die Frau zumeist in der Rol­le der L(i)ebenden oder Pfle­gen­den und er der­je­ni­ge, der dem Ende sei­nes Lebens ent­ge­gen­geht. Die bei­den wie in Zeit­lu­pe agie­ren­den Per­for­mer: innen waren für "Die Hän­de von l´Argentiére" in Alten- und Pfle­ge­hei­men und haben den Men­schen dort beim Ster­ben zuge­se­hen. Und beob­ach­te­ten sehr genau, wie­viel Leben bei ihnen noch anzu­tref­fen ist.

Sie fin­den berüh­ren­de Bil­der, Töne und Wor­te – die als Über­ti­tel erschei­nen – die die beson­de­re Atmo­sphä­re am Lebens­en­de ein­fühl­sam und blitz­licht­ar­tig spie­geln. Und schließ­lich auch ein meta­pho­ri­sches Bild für das all­ge­mei­ne Wer­den und Ver­ge­hen. Dies ist aller­dings eine Video­pro­jek­ti­on in der ansons­ten wun­der­bar ana­lo­gen und wie aus der Zeit gefal­le­nen, inten­si­ven Inszenierung.

Die Anfangs­si­tua­ti­on in "KAR" von Feke­te Seret­lek & Stu­dio Damú­za aus Tsche­chi­en ist eigent­lich fast die­sel­be. Auch hier liegt ein Mann mit einem Akkor­de­on auf dem Bauch, dies­mal nicht im Kran­ken­bett, son­dern auf einem hohen schma­len Tisch, der im Pots­da­mer Wasch­haus steht.

Fekete-Seretlek-Studio-Damuza/KAR©Vojtech Brt­ni­cky

Als Besucher:in bekommt man am Ein­gang fla­ckern­de Grab­lich­ter in die Hand gedrückt, die zu Füßen des Ster­ben­den auf­ge­stellt wer­den. Doch schon dabei bemerkt man, dass in dem lan­gen Kerl, der wie die tsche­chi­sche Ver­si­on des Struw­wel­pe­ter aus­sieht, noch sehr viel Leben steckt und das er das Ster­ben ganz ein­fach (immer wie­der) auf mor­gen verschiebt.

Feke­te-Seret­lek-Stu­dio-Damu­za/­KAR ©Voj­tech Brtnicky

Und damit die Zeit bis zum Ende inten­siv und vor allem lust­voll ist, spie­len die vier schwarz geklei­de­ten Män­ner gleich mal und immer wie­der mit ihren Sai­ten­in­stru­men­ten und einem Gong kräf­tig auf. Sie trin­ken gemein­sam mit dem Publi­kum Wod­ka und Tee, ver­an­stal­ten mit dick­wan­di­gen Glä­sern, einem rau­chen­den Samo­war und dem Sekt­küh­ler, die sie unter dem lan­gen Tisch her­vor­ho­len und der damit zur The­ke wird, u. a. sehr skur­ri­le Tänze.

Bis sich eine Frau im edlen Pelz­cape und wei­ßem Spit­zen­kleid zu ihnen gesellt und sich als eine der berühm­tes­ten Lei­chen der Welt­li­te­ra­tur erweist. Anna Kare­ni­na, die sich wegen ihrer Lie­bes­af­fä­re mit dem Gra­fen Ale­xej Wrons­kij, die zum Bruch ihrer Ehe führt, schließ­lich – die Hand­lung spielt im 19. Jahr­hun­dert – vor einen Zug wirft.

Feke­te-Seret­lek-Stu­dio-Damu­za/­KAR ©Voj­tech Brtnicky

Doch auch in ihr und vor allem in den spiel­freu­di­gen Musi­kan­ten (zu denen sie gehört) steckt noch sehr viel Lie­be zum Leben und so endet der berühm­te Roman in der groß­ar­ti­gen "KAR"-Version nicht mit einem Sui­zid, son­dern berüh­ren­dem tsche­chi­schem, jüdi­schem und rus­si­schem Gesang und viel ost­eu­ro­päi­scher See­le, die wesent­lich blut­vol­ler als die hier­zu­lan­de, auch ungleich spiel­freu­di­ger ist und bei der der Fun­ke wie von selbst überspringt.

Es war eine Won­ne, die­ser musik­ka­ba­ret­tis­ti­schen Toten- bzw. Lebens­fei­er bei­zu­woh­nen und sich selbst gleich viel leben­di­ger zu füh­len. Dan­ke Anič­ka Bub­ní­ko­vá, Jiří N. Jelí­nek, Pavol Smolá­rik, Mati­ja Sol­ce und Ivo Sed­lá­ček für die­ses wun­der­ba­re Uni­dram-Erleb­nis. Groß­ar­tig auch, wie Gevat­ter Tod mit einer schwin­gen­den Sen­se auf dem bren­nen­den Tisch zwi­schen den umher­fah­ren­den Spiel­zeug­lo­ko­mo­ti­ven tanzt.

Astrid Priebs-Trö­ger

14. Oktober 2022 von Textur-Buero
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