Good Vibrationes

Tanz­herbst heißt das neue For­mat der fabrik und es wur­de mit einer Deutsch­land­pre­mie­re der süd­afri­ka­ni­schen Kom­pa­nie Via Kat­le­hong aus Johan­nes­burg eröff­net. Acht jun­ge schwar­ze Per­for­mer: innen brach­ten, wie schon bei den Tanz­ta­gen die QDance Com­pa­ny von Qudus Oni­ke­ku aus Lagos, das wei­ße euro­päi­sche Publi­kum in der fabrik zum Vibrieren.

Auch wenn der ers­te Teil des Abends "førm inførms" – eine Cho­reo­gra­fie des por­tu­gie­si­schen Cho­reo­gra­fen und Urban Dan­cers Mar­co da Sil­va Fer­rei­ra – mit einer frot­zeln­den Publi­kums­be­lei­di­gung begann. Eine jun­ge Frau blies immer wie­der ihre Backen auf und ließ ihnen laut­star­ke "Maul­für­ze" entweichen.

Via Inja­bu­lo, forms Inform, Foto © Pedro Sardinha

Was für ein Bild: Auf dem wei­ßen Tanz­bo­den ste­hen die­se jun­gen schwar­zen Men­schen, die aus einem Johan­nes­bur­ger Town­ship kom­men und las­sen ihre pral­len Mus­keln und elas­ti­schen Kör­per vor wei­ßem Publi­kum auf­rei­zend spie­len, und machen sich sogar ein wenig lus­tig über dieses.

Ein Vor­gang, der so vor drei Jahr­zehn­ten nahe­zu undenk­bar war. Via Kat­le­hong wur­de 1992 – nach Abschaf­fung der Apart­heid in Süd­afri­ka – in einem Johan­nes­bur­ger Armen­vier­tel gegrün­det. In sol­chen Vier­teln wur­de bereits in den 1950er Jah­ren durch die migrier­te Land­be­völ­ke­rung die soge­nann­te Pant­s­u­la-Pro­test­kul­tur geboren.

Via Inja­bu­lo, forms Inform, Foto: Franck Couvreur 

Genährt von einer star­ken Gemein­schafts­iden­ti­tät ver­folgt die Tanz­kom­pa­nie Via Kat­le­hong, die mit "Via Inja­bu­lo" auch beim dies­jäh­ri­gen Avi­gnon-Fes­ti­val ver­tre­ten war, eine päd­ago­gi­sche, kul­tu­rel­le und sozia­le Mis­si­on für jun­ge Men­schen in Südafrika.

Denn  Pant­s­u­la war ursprüng­lich mit "bad boys" asso­zi­iert, und erfüllt in den unter­pri­vi­le­gier­ten Quar­tie­ren mitt­ler­wei­le eine gegen­tei­li­ge Funk­ti­on. In einer sol­chen Tanz­trup­pe mit­zu­ma­chen, for­dert Dis­zi­plin und ver­schafft Stolz und Selbstbewusstsein.

Wie Hip-Hop in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten ist auch die Pant­s­u­la-Kul­tur ein Lebens­stil; sie umfasst Mode, Musik, Tanz, Ges­ten­codes und Spra­che. Und wie Hip-Hop fin­det sie ihr Aus­drucks­feld auf der Straße.

Via Inja­bu­lo, Ema­pha­ka­thi­ni, Foto: Franck Couvreur

Auch die­se acht tan­zen als Grup­pe von jeweils vier Frau­en und Män­nern drau­ßen. Ihre kom­ple­xe und tem­po­rei­che Bein­ar­beit und die rasan­ten und ele­gan­ten Hüft­schwün­ge haben gleich­zei­tig enorm viel erdi­ge und eben­sol­che feu­ri­ge Energie.

Dazu kom­men – seit den 1990er Jah­ren, als Süd­afri­ka lang­sam mul­ti­eth­nisch wur­de – Ele­men­te von Stepp­tanz und Gum­boots dance. Und die­se ener­ge­ti­sche Wucht – aus Lebens­lust und Trotz bzw. auch Wut – über­trägt sich auch hier­zu­lan­de augenblicklich.

Für den zwei­ten Teil des Abends wur­de der wei­ße Boden­be­lag ent­fernt und der Hip Hop Tän­zer und fran­zö­si­sche Cho­reo­graf Ama­la Dia­nor, der sich seit 2018 für die Aus­bil­dung von Tän­zer: innen in West­afri­ka enga­giert, ließ zwei sei­ner Tänzer:innen zu Beginn das Pots­da­mer Publi­kum zum Mit­klat­schen und –pfei­fen animieren.

Via Inja­bu­lo, Ema­pha­ka­thi­ni, Foto © Pedro Sardinha

Via Kat­le­hong ließ in "Ema­pha­ka­ti­ni", was auf Zulu "Zwi­schen­raum" bedeu­tet, die Tanz­ge­schich­te Süd­afri­kas Revue pas­sie­ren. Es wur­den sowohl tra­di­tio­nel­le als auch moder­ne städ­ti­sche Rhyth­men auf­ge­ru­fen und die gro­ße spie­le­ri­sche Vir­tuo­si­tät der in Süd­afri­ka übli­chen Gemein­schafts­tän­ze vorgeführt.

Eine  Mischung aus "Isi­pant­s­u­la" (was Gehen mit her­vor­ge­reck­tem Gesäß bedeu­tet) oder auch "Gum­boots" (das auf Klat­schen von Ober­schen­keln und Waden beruht). Jede:r der Dar­stel­ler: innen schöpft dabei aus sei­ner per­sön­li­chen Geschich­te und gemein­sam wird eine hybri­de Cho­reo­gra­fie inter­pre­tiert, die auch eine Refle­xi­on über Zuwei­sung einer Iden­ti­tät bzw. die Eman­zi­pa­ti­on davon anregt.

Astrid Priebs-Trö­ger

Die Arbeit an die­sem Arti­kel wur­de "geför­dert durch die Beauf­trag­te der Bun­des­re­gie­rung für Kul­tur und Medi­en im Pro­gramm NEUSTART KULTUR, [Hilfs­pro­gramm DIS-TANZEN/ tanz:digital/ DIS-TANZ-START] des Dach­ver­band Tanz Deutschland."

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29. Oktober 2022 von Textur-Buero
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