Unheimlich kühl

"Hertz – Die Welt ist Schwin­gung" ist der Titel von Lau­ra Hein­eckes neu­es­tem Stück, das in der fabrik im Rah­men des Tanz­herbs­tes zur Urauf­füh­rung gelang­te. Was so poe­tisch beschwingt klingt, erwies sich jedoch als­bald als dun­kel bezie­hungs­wei­se alptraumhaft.

Ganz am Anfang ste­hen die drei Per­for­me­rin­nen Aura Anti­kai­nen, Dag­mar Ott­mann und Saran­tou­la Saran­ta­ki im Drei­eck bewe­gungs­los auf dem wei­ßen Tanz­bo­den. Das Publi­kum strömt lär­mend an ihnen vor­bei, doch sie gehen augen­schein­lich nicht mit die­sem in Resonanz.

HERTZ © Bernd Gurlt

Nach­dem sich letz­te­res am Platz geord­net und beru­higt hat, beginnt die knapp ein­stün­di­ge Per­for­mance, die von der Mini­mal-Music-Ton­spur, die Ralf Grü­ne­berg kom­po­niert hat, wesent­lich beein­flusst und geprägt ist.

Auch sie beginnt mit meh­re­ren Minu­ten Stil­le, in denen sich die drei Per­for­me­rin­nen kaum merk­lich in sich selbst und mit den ande­ren ein­schwin­gen und lang­sam wie an lan­gen Fäden hän­gend sacht zu pen­deln beginnen.

HERTZ © Bernd Gurlt

Nach­dem ers­te Töne erklin­gen und genau­so schnell wie­der ver­schwin­den und die Frau­en sich immer noch am sel­ben Fleck bewe­gen, bekommt die Musik nach kur­zem hör­ba­rem Was­ser­tröp­feln eine dun­kel-dräu­en­de Atmo­sphä­re und die Bewe­gun­gen der Tän­ze­rin­nen wer­den grö­ßer und dyna­mi­scher – und bei ihnen ent­wi­ckelt sich fast so etwas wie "Wider­stand" gegen die­se zu hören­den, auch kör­per­lich spür­ba­ren Frequenzen.

Das ver­stärkt sich – auch in mir selbst – als im Mit­tel­teil der in weiß, blau, lila­far­big beleuch­te­ten Per­for­mance (Licht: Ralf Grü­ne­berg) – das gleich­mä­ßi­ge har­te Stamp­fen der nack­ten Füße der Frau­en sei­ner­seits auf die Mini­mal­mu­sic über­zu­grei­fen scheint.

HERTZ © Bernd Gurlt

Die­se bewegt sich jetzt in dumpf klop­fen­den Fre­quen­zen von 120 Hertz – und ich selbst habe das Gefühl, dass dies mei­nen eige­nen Herz­schlag nega­tiv beein­flusst und ich nur noch eines will, näm­lich raus aus die­ser bedrü­cken­den (Herz-)Enge, die mir die­se beklem­men­de Ton­spur an die­ser Stel­le verursacht.

Lau­ra Hein­ecke, die in "Hertz" zum ers­ten Mal selbst nicht mit­tanzt, son­dern aus­schließ­lich cho­reo­gra­fier­te, forsch­te im ver­gan­ge­nen Jahr mit einem Team aus Körperpraktiker:innen und Wissenschaftler:innen zum The­ma Schwingungen.

HERTZ © Bernd Gurlt

Expe­ri­men­tiert wur­de auf visu­el­ler, akus­ti­scher und soma­ti­scher Ebe­ne mit Wel­len­län­gen, Ton­hö­hen, Vibra­tio­nen und Rhyth­mus. Die­se For­schung sei für sie noch lan­ge nicht zu Ende, sagt Lau­ra Hein­ecke im Gespräch.

Und wenn am Ende von "Hertz – Die Welt ist Schwin­gung" bei­na­he wie­der der ruhi­ge Aus­gangs­zu­stand her­ge­stellt scheint, fehl­te in mei­ner Wahr­neh­mung das im Titel der Per­for­mance zumin­dest laut­ma­le­risch vor­kom­men­de "Herz" bezie­hungs­wei­se Freu­di­ges oder Feuriges.

Denn auch die Farb­ge­bung in Blau‑, Weiß- und Lila­tö­nen war eher kühl als warm. In Lila ist Rot zwar ent­hal­ten, aber es ent­wi­ckelt nicht die­sel­be Ener­gie wie im Urzu­stand. Und so wirkt "Hertz" bei­na­he wie der dra­ma­tur­gi­sche Auf­takt einer mehr­tei­li­gen Reihe.

Ver­steht man die Per­for­mance jedoch (auch) als ener­ge­ti­sche Beschrei­bung der Gegen­wart, dann erfass­ten die unheil­voll dräu­en­den Töne, und das, was sie in den Tän­ze­rin­nen und mir aus­lös­ten, mit seis­mo­gra­fi­scher Genau­ig­keit die dys­to­pi­sche Zeit­qua­li­tät, in der wir gera­de leben. Aus der sich die Per­for­me­rin­nen her­aus­kämp­fen und letzt­end­lich wie­der neu for­mie­ren mussten.

Astrid Priebs-Trö­ger

14. November 2022 von Textur-Buero
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