Weiter tanzen!

Als im Wen­de­win­ter 1989/90 jun­ge Krea­ti­ve ein ver­las­se­nes Fabrik­ge­bäu­de in der Pots­da­mer Innen­stadt besetz­ten, ahn­ten sie nicht, dass sie damit den Grund­stein für eine inzwi­schen 30-jäh­ri­ge Erfolgs­ge­schich­te leg­ten. Damals ent­stan­den im Schat­ten der poli­ti­schen Wen­de ers­te Struk­tu­ren von frei­en Thea­tern in Bran­den­burg. Und so wur­de im April 1991 auch der Ver­ein fabrik Pots­dam e. V. gegrün­det, des­sen Aus­hän­ge­schild nach wie vor die Pots­da­mer Tanz­ta­ge sind, die sich im ver­gan­ge­nen Jahr eben­falls zum 30. Mal jähr­ten.

Auf­stei­gen, Fal­len, Wei­ter­ge­hen

Nach dem ers­ten Lock­down waren sie lako­nisch-opti­mis­tisch mit "Wei­ter tan­zen" über­schrie­ben und vom Mai in den August ver­scho­ben wor­den. Und wäh­rend das Ber­li­ner Fes­ti­val Tanz im August nahe­zu voll­stän­dig digi­tal statt­fand, ent­wi­ckel­te die fabrik unter Hoch­druck ange­pass­te For­ma­te und zahl­rei­che Open-Air-Ange­bo­te für ihr Publi­kum. Wie bei­spiels­wei­se die "Fugue /Trampoline"-Performance des kana­di­schen Tän­zers und Akro­ba­ten Yoann Bour­geois, die zur Eröff­nung kon­ge­ni­al unse­re kri­sen­haf­te Gegen­wart spie­gel­te.

Aber sei­ne Alle­go­rie auf das mensch­li­che Leben – Auf­stei­gen, Fal­len, Wei­ter­ge­hen – hat im wei­tes­ten Sin­ne auch mit der Entwicklungs­geschichte der fabrik Pots­dam zu tun. Die dama­li­gen Grün­der­vä­ter Wolf­gang Hoff­mann und Sven Till (Sabi­ne Chwa­lisz stieß erst 1992 dazu) haben sich damals stark an ihrem Vor­bild, der Tanz­fa­brik in West­ber­lin, ori­en­tiert. Die­se jun­gen Men­schen hat­ten als selbst ernann­te "Selbst­hil­fe­grup­pe" eine Visi­on für ihr sozio­kul­tu­rel­les (Tanz-)Zentrum: Sie woll­ten sich und ande­ren Räu­me schaf­fen, um ihr krea­ti­ves Poten­zi­al zu erfah­ren und aus­zu­pro­bie­ren. "Durch die Zusam­men­füh­rung ver­schie­de­ner Kunst­rich­tun­gen unter einem Dach – Zeit­ge­nös­si­scher Tanz, Kör­per­thea­ter und Musik – ver­sucht die fabrik, fest­ge­fah­re­nen Struk­tu­ren ent­ge­gen­zu­wir­ken", schrie­ben sie in einer ihrer ers­ten Selbst­dar­stel­lun­gen.

Aus die­sen Anfän­gen ist nach dem Weg­zug aus dem maro­den Fabrik­ge­bäu­de in der Guten­berg­stra­ße und der etap­pen­wei­sen Kon­so­li­die­rung im Kunst- und Kul­tur­quar­tier Schiff­bau­er­gas­se ein inter­na­tio­na­les Zen­trum für Tanz und Bewe­gungs­kunst gewor­den – nicht nur sicht­bar mit und bei den Pots­da­mer Tanz­ta­gen, die jähr­lich bis zu 7.000 Besucher*innen, im Coro­na-Jahr 2020 immer­hin 3.000 anzo­gen, son­dern auch mit Koope­ra­tio­nen wie Dance in Resi­dence, Cho­reo­gra­fen-Resi­den­zen über Stu­dio Qué­bec oder inter­na­tio­na­len Netz­wer­ken wie Étape Dan­se. Das 19-köp­fi­ge Team um Sabi­ne Chwa­lisz und Sven Till unter­stützt kon­ti­nu­ier­lich Pots­da­mer Künstler*innen wie das Künst­ler* innen­kol­lek­tiv Kom­bi­nat, die Com­pa­ny von Lau­ra Hein­ecke oder das Duo Ani­ta Twarow­s­ka und Muril­lo Bas­so.

Künst­le­ri­scher Leucht­turm im Flä­chen­land

Als künst­le­risch ins Land aus­strah­len­der Leucht­turm für Bewe­gungs­kunst strickt die fabrik Pots­dam seit 2015 ver­stärkt künst­le­ri­sche Netz­wer­ke mit Akteur*innen aus der Regi­on, wie jüngst mit der Tanz­kom­pa­nie von Gol­de Grun­ske aus Cott­bus über Dance in Resi­dence Bran­den­burg. Die­ses neue über­re­gio­na­le Koope­ra­ti­ons- und Netz­werk­pro­jekt der fabrik-Toch­ter­ge­sell­schaft fabrik moves und unter ande­rem der Tanz­WERK­STATT Cott­bus wird aus Mit­teln des Bun­des­pro­gramms Neu­start Kul­tur geför­dert und soll als über­re­gio­na­les Koope­ra­ti­ons- und Netz­werk­pro­jekt Struk­tu­ren für den Tanz in Bran­den­burg stär­ken und für die Zukunft sichern.

Das bun­des­län­der­über­grei­fen­de Netz­werk­pro­jekt Explo­re Dance, in dem die fabrik gemein­sam mit Ham­burg und Mün­chen Tanz­pro­jek­te für Kin­der und Jugend­li­che för­dert, wur­de 2019 mit dem Deut­schen Thea­ter­preis aus­ge­zeich­net.

Dar­über hin­aus sieht sich die fabrik in einem ost­deut­schen Flä­chen­land, in dem es kei­ne uni­ver­si­tä­re Kunst­aus­bil­dung gibt, als Ver­mitt­le­rin zwi­schen künst­le­ri­scher Aus­bil­dung und Pra­xis, sicht­bar nicht nur in der Koope­ra­ti­on mit dem Hoch­schul­über­grei­fen­den Zen­trum Tanz Ber­lin, son­dern auch mit dem dua­len Stu­di­en­gang Bewe­gungs­päd­ago­gik und Tanz in Sozia­ler Arbeit der Pots­da­mer Fach­hoch­schu­le Cla­ra Hoff­bau­er.

Expan­si­ons­wunsch von innen

Die ein­drucks­vol­le Ent­wick­lung der fabrik Pots­dam voll­zog sich immer aus der Selbst­be­haup­tung her­aus, als Expan­si­ons­wunsch von innen, und sie fin­det seit drei Jahr­zehn­ten unter den ein­engen­den Bedin­gun­gen von jähr­li­cher Pro­jekt­för­de­rung durch das Land und die Stadt Pots­dam statt. Trotz­dem gelang es, nach­hal­ti­ge Struk­tu­ren zu schaf­fen, die auch jetzt wäh­rend der Coro­na-Kri­se ande­ren zugu­te­kom­men. Die fabrik enga­giert sich unter ande­rem im Akti­ons­netz­werk Kul­tur­Macht­Pots­dam, das sich seit Som­mer 2020 auf die Fah­nen geschrie­ben hat, die gesell­schaft­li­che Bedeu­tung von Kunst und Kul­tur für Pots­dam sicht­ba­rer zu machen und dabei eine mög­lichst gro­ße Zahl von Kulturakteur*innen zu betei­li­gen – nicht nur im Coro­na-Kon­text, son­dern lang­fris­tig dar­über hin­aus.

Die fabrik wird aller Vor­aus­sicht nach auch zukünf­tig ein star­ker Motor sein und nach­hal­ti­ge künst­le­ri­sche Impul­se geben, die den gro­ßen Facet­ten­reich­tum von Tanz sicht­bar machen. Seit 2015 gelang ihr das bei­spiels­wei­se mit der För­de­rung des Nou­veau Cir­que unter dem Schirm des zeit­ge­nös­si­schen Tan­zes.

Moder­nen Tanz aus Nischen­da­sein befrei­en

Die­ser soll end­gül­tig aus dem Nischen­da­sein befreit und als selbst­ver­ständ­li­cher Teil von Kunst und Kul­tur, und im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes bar­rie­re­frei zugäng­lich wer­den. So wie bei den Pots­da­mer Tanz­tagen 2020, die nicht nur mit "Fugue/Trampoline" von Yoann Bour­go­is, son­dern auch mit For­ma­ten wie "Fremd­ge­hen" – ein cho­reo­gra­fi­scher Stadt­spa­zier­gang von Sabi­ne Zahn oder "Hope Hunt" von Oona Doh­erty – einer Per­for­mance, die inten­siv das Lebens­ge­fühl der Jugend der euro­päi­schen Vor­städ­te  spie­gel­te –  die­sen Weg über­zeu­gend auf­zeig­ten.

Astrid Priebs-Trö­ger

Die­ser Arti­kel wur­de zuerst im tanz­raum­ber­lin-Maga­zin in der Aus­ga­be März/April 2021 ver­öf­fent­licht.

 

10. April 2021 von Textur-Buero
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