Intensive Ausstrahlung

Die­ses ein­dring­li­che Nägel­krat­zen der attrak­ti­ven jun­gen Frau im roten Kleid wer­de ich nicht so schnell ver­ges­sen. Sie eröff­ne­te damit den (alb-)traumhaften, betö­rend schö­nen Bil­der­rei­gen, der sich am vor­letz­ten UNI­DRAM-Tag in der ita­lie­ni­schen Thea­ter­pro­duk­ti­on "Frame" ent­fal­te­te.

In einem lee­ren Zim­mer mit grau­en nack­ten Wän­den als Rah­men flos­sen die­se – wie von Geis­ter­hand erschaf­fen – nahe­zu naht­los inein­an­der über. Wun­der­bar ihre poe­ti­sche Viel­deu­tig­keit und das stän­di­ge Unter­lau­fen von Erwar­tun­gen. So zum Bei­spiel, als sich ein Bett im Raum, der Mal wie ein Hotel, dann wie eine Zel­le oder ein Kran­ken­zim­mer wirkt, befin­det. Eine Frau liegt dar­auf, ein Mann kommt hin­zu und nein, es kommt nicht zu einer stür­mi­schen Lie­bes­nacht.

Tea­tro Kore­ja, Frame, Foto: Ales­san­dro Ser­ra

Die magi­schen Bild­wel­ten des Thea­ters "Kore­ja", die vom Bil­der­kos­mos des ame­ri­ka­ni­schen Malers Edward Hop­per inspi­riert sind, zie­len auf ganz ande­re Dimen­sio­nen ab. In nur einem Moment wird aus der jun­gen eine alte Frau, die der Mann – viel­leicht ihr frü­he­rer Lieb­ha­ber? – jetzt als gebück­te Alte, fast wie ein Sohn, aus dem Zim­mer führt.

Verstörend schöne Bilder menschlicher Einsamkeit

Gran­di­os, wie in "Frame" auch Innen- und Außen­welt mit­ein­an­der kor­re­spon­die­ren bezie­hungs­wei­se ver­schmel­zen. Auf der Rück­wand des Zim­mers befin­det sich eine gro­ße Öff­nung, durch die z. B. leb­haf­te Stra­ßen­sze­nen in die ansons­ten sehr ver­lang­sam­ten Bild­wel­ten im Innern oder auch eine Kino­sze­ne aus einem Lie­bes­film ein­drin­gen.

Tea­tro Kore­ja, Frame, Foto: Ales­san­dro Ser­ra

Von "drau­ßen" kom­men durch sich uner­war­tet öff­nen­de oder ver­schie­ben­de Zim­mer­wän­de die ins­ge­samt fünf Akteu­re – unter ihnen ein melan­cho­li­scher Har­le­kin –  und grup­pie­ren sich immer wie­der zu ver­stö­rend schö­nen Bil­dern von mensch­li­cher Ein­sam­keit. Eines noch nicht bzw. nicht mehr Zusam­men­seins – letzt­lich, eines stän­dig anein­an­der Vor­bei­glei­tens.

Da der vor­letz­te Abend sehr eng getak­tet war, blieb lei­der kei­ne Zeit, die­sen wun­der­bar viel­deu­ti­gen Bild­wel­ten ein wenig län­ger nach­zu­sin­nen. Denn die Mög­lich­keit, Tanz­thea­ter aus Litau­en zu sehen, hat man nicht jeden Tag – auch nicht bei UNIDRAM.

AURA Dance Theatr, Game Chan­ger, Foto: Svet­la­na Batu­ra

In der fabrik eine voll­kom­men ande­re Sze­ne­rie. Zehn Tän­zer ste­hen in, in der Ästhe­tik von Schach­fi­gu­ren inspi­rier­ten Kos­tü­men, auf einem wei­ßen Spiel­feld. Man sieht weder ihre Füße, noch ihre Gesich­ter, kann nicht fest­stel­len, wel­chen Geschlechts sie sind. Anfangs glei­ten sie laut­los, fast wie auf Rädern durch die unwirk­li­che, leb­lo­se Sze­ne­rie.

Eindeutig: Tanztheater aus Litauen

Nach und nach – und dem Aus­ruf "Es gibt Licht in der Dun­kel­heit!" – kommt end­lich Leben in die Spiel­fi­gu­ren und sie begin­nen, sich von den ein­engen­den Kos­tü­men zu befrei­en. Frau­en und Män­ner, Schwar­ze, Wei­ße, Gro­ße und Klei­ne kom­men zum Vor­schein. Ein ers­ter Indi­vi­dua­ti­ons­pro­zess beginnt. Doch kurz dar­auf tan­zen die frei­ge­setz­ten jun­gen Leu­te – alle mit gleich­ar­ti­gen Shorts beklei­det – zu live pro­du­zier­ten Tech­no­klän­gen.

AURA Dance Theatr, Game Chan­ger, Foto: Svet­la­na Batu­ra

In die­ser Pha­se von "Game chan­ger" gera­ten sie, ohne es zu mer­ken, in ein wei­te­res Spiel, das kei­nen Wert auf wirk­li­che Indi­vi­dua­li­tät legt. Sie zucken im sel­ben Takt, sehr ath­le­tisch und sehr kraft­voll zwar, jedoch mit uni­for­men Bewe­gun­gen, die sie schnell wie­der Teil einer (Unterhaltungs-)Maschinerie wer­den las­sen.

Erst als sich – nicht nur hete­ro­se­xu­el­le Paa­re – fin­den, ent­fal­ten die Paa­re ein indi­vi­du­el­les Bewe­gungs­re­per­toire, das das Publi­kum in der voll­be­setz­ten fabrik am Schluss fast wie eine klei­ne Revo­lu­ti­on begeis­tert fei­er­te. Für mich als Zuschaue­rin, die oft und ger­ne moder­nen Tanz anschaut, hät­te es sehr viel unein­deu­ti­ger, ein wenig schwe­ben­der enden kön­nen.

Astrid Priebs-Trö­ger

03. November 2018 von admin
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