Wenn die Narren regieren …

Mit dem Zeit­al­ter der Auf­klä­rung und der begin­nen­den Indus­tria­li­sie­rung ist der Har­le­kin nach und nach von den Thea­ter­büh­nen ver­schwun­den. Die ita­lie­ni­schen Per­for­mer Giner­va Pan­zet­ti und Enri­co Tic­co­ni haben ihn bei den Pots­da­mer Tanz­ta­gen jetzt wie­der aus der Ver­sen­kung geholt.

Anfangs nur als Schat­ten­riss auf dem wei­ßen Büh­nen­hin­ter­grund, aber im Lau­fe ihrer sti­lis­tisch über­aus ori­gi­nel­len Insze­nie­rung mit vie­len der wider­sprüch­li­chen Facet­ten, die ihn einst aus­mach­ten: mit Lachen und Wei­nen, List und Tücke, Genüg­sam­keit und Ver­fres­sen­heit. Und nicht zuletzt als sub­ver­si­ven Geist, der allen ande­ren den Spie­gel vor­hält.

Gine­v­ra Pan­zet­ti (l) & Enri­co Tic­co­ni ®, Foto: Die­ter Hart­wig

Statt in kun­ter­bun­te Lum­pen sind die bei­den hoch­ge­wach­se­nen Per­for­mer in  haut­enges Schwarz geklei­det und nur ein gel­bes Rhom­ben-Mus­ter, das sich seit­lich die Hosen­näh­te her­un­ter zieht, zitiert die frü­he­re Kos­tü­mie­rung. Har­le­kins Gefähr­tin Colum­bi­na ist durch ihre bei­den Haar­kno­ten eben­falls sogleich erkenn­bar.

Zu Beginn schüt­ten sich bei­de aus vor Lachen. Mit zucken­den Kör­pern und ver­zerr­ten Gesich­tern. Laut­los. Zu einer Stak­ka­to arti­gen Ton­spur, die Kla­cken und Pul­sie­ren wie­der­gibt, und so etwas wie einen "wil­den" inne­ren Strom nach­emp­fin­det. Doch kei­ner lacht mit.  Denn man weiß (noch) nicht, zu wel­chem Spiel man hier gebe­ten ist.

Mit ihrer über­aus prä­zi­sen Kör­per­ar­beit stel­len Giner­va Pan­zet­ti und Enri­co Tic­co­ni die äuße­ren Nar­ren-Cha­rak­te­ris­ti­ka wie die schwar­ze Augen­mas­ke, die sie mit gerun­de­ten Dau­men und Zei­ge­fin­gern for­men oder die Hör­ner, die den ani­ma­lisch-sub­ver­si­ven Cha­rak­ter des Nar­ren beto­nen, her. Nach und nach meint man zu wis­sen, mit wem man es hier zu tun hat.

Gine­v­ra Pan­zet­ti, Foto: Die­ter Hart­wig

Doch dann ändert sich die Sze­ne­rie. Aus den bizarr über­mü­ti­gen, fast comi­c­ar­ti­gen Figu­ren wer­den, als sich die Ton­spur in stamp­fend-gleich­för­mi­ge Maschi­nen­klän­ge wan­delt, zumin­dest äußer­lich dis­zi­pli­nier­te­re Wesen. Vor allem hoch und run­ter gehen ihre jetzt fast syn­chro­nen Bewe­gun­gen und nur die Arme mit den sehr beweg­li­chen Hand­ge­len­ken wider­set­zen sich schein­bar noch dem mono­to­nen Takt.

Schließ­lich wir­ken bei­de wie an Fäden hän­gen­de Mario­net­ten, und auch ihre Zun­gen hän­gen ab und zu schlapp/entnervt her­aus. Doch ab und an blit­zen noch die ursprüng­li­chen,  stark pola­ri­sie­ren­den Emo­tio­na­li­tä­ten her­vor.

"Har­le­king", Foto: Etto­re Spez­za

Und auf ein­mal, man bemerkt es in der skur­ri­len Bil­der­fol­ge kaum, ent­steht ihr "Ich bin da" – bei­de recken ihren rech­ten Arm, anfangs wie zum römi­schen Gruß, den spä­ter die Faschis­ten über­nah­men, dann zu Mr. Spocks vul­ka­ni­schem Gruß, wo die Fin­ger zwi­schen Ring- und Mit­tel­fin­ger zum V gespreizt wer­den, und schließ­lich zur geball­ten Faust der Frei­heits­kämp­fer, die von den Spa­ni­schen Bri­ga­den popu­la­ri­siert wur­de.

Was für eine gro­tes­ke Sequenz in nur einem Moment, die ein Jahr­hun­dert vol­ler Kri­sen und Brü­che schlag­licht­ar­tig zusam­men­fasst. Und man fragt sich, wel­ches Zeit­al­ter jetzt wohl anbricht, wenn, wie in der Insze­nie­rung, ein leuch­ten­der Rhom­bus, der auch Rau­te genannt wird,  an der Büh­nen­rück­wand erscheint und nicht die bekann­ten Har­le­kin und Colum­bi­na, son­dern die wirk­li­chen Nar­ren end­gül­tig das Zep­ter über­neh­men.

Astrid Priebs-Trö­ger

 

 

15. August 2020 von Textur-Buero
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