Ganz (Körper) sein

"Erle­ben Sie das Stück, indem Sie die ana­ly­ti­sche Kate­go­ri­sie­rung in der Gar­de­ro­be las­sen und den Weg für eine sinn­li­che Erfah­rung öff­nen: die eines Raums, in dem sich Wesen und Din­ge stän­dig ver­wan­deln können."

Dies qua­si als Gebrauchs­an­wei­sung vor­weg zu schi­cken, ist hilf­reich bei Dai­na Ash­bees neu­es­tem Stück "J’ai pleu­ré avec les chi­ens (TIME, CREATION, DESTRUCTION)", das bei den Tanz­ta­gen sei­ne Deutsch­land­pre­mie­re fei­er­te. Die ers­te Ver­wand­lung beginnt schon wäh­rend des Ein­las­ses. Immer wie­der bewe­gen sich ein­zel­ne der Performer:innen auf allen Vie­ren durch die Arena.

JAI-PLEURE-AVEC-LES-CHIENS-©-Stephanie-Paillet

Kurz bevor alle Zuschauer:innen auf ihren Plät­zen sit­zen, begin­nen sie sich zu ent­klei­den, um von nun an nackt durch den Raum zu glei­ten. Wie eine mensch­li­che Her­de bewe­gen sie sich jede:r für sich aber im glei­chen gemäch­li­chen Tem­po, anfangs stumm durch das Geviert.

Dazu wird ein eng­li­scher Text von Loui­se Hay, einer Ver­tre­te­rin der Neu­geist-Bewe­gung ein­ge­spro­chen, der u. a. die Sät­ze wie "Wir kre­ieren alle Erfah­run­gen in unse­rem Leben selbst" und "Was ich über das Leben glau­be, wird wahr für mich" enthält.

"J’ai pleu­ré avec les chi­ens" ist wäh­rend der Coro­na-Pan­de­mie ent­stan­den und begann für Dai­na Ash­bee mit der Erfor­schung eines Gefühls: Trost in der Umar­mung eines Hun­des zu suchen. Etwas, das sicher vie­le nach­voll­zie­hen kön­nen, die auf­grund der Iso­la­ti­on oder der Ver­zweif­lung dar­über die Wär­me und die Ruhe von jemand ande­rem Leben­di­gen suchten.

JAI-PLEURE-AVEC-LES-CHIENS-©-Stephanie-Paillet

Im Ver­lauf der sehr puren und unge­mein inten­si­ven Per­for­mance, die von fünf Frau­en und einem Mann bestrit­ten wird, wer­den die­se immer stär­ker ihre krea­tür­li­chen Ener­gien aus­le­ben. Atmen,  Bewe­gen, Schwit­zen, Klet­tern, Jau­len, Schrei­en, Bel­len, Tönen – das Mensch­sein ist redu­ziert auf das Wesentliche. 

Ganz Kör­per sein – etwas, das die Meis­ten von uns durch die vor­herr­schen­de Kul­ti­vie­rung ver­lo­ren haben. Und höchs­tens in exis­ten­zi­ell bedroh­li­chen Situa­tio­nen wie Krank­heit, Geburt oder Ster­ben wie­der erfah­ren. In die­ser Per­for­mance sehen Men­schen sich Men­schen an, die bei­na­he wie in einem Zoo vor ihnen aus­ge­stellt sind.

Und doch ist es anders als dort, da wir bei Ash­bee uns selbst sehen. In unse­rer Schön­heit, in der Zer­brech­lich­keit oder Schwä­che. Auch im Funk­tio­nie­ren oder Ver­sa­gen, die "dun­kels­ten Ecken" (wie die Vul­va) wer­den für manche(n) viel­leicht zum ers­ten Mal sicht­bar. Und man/frau muss sich trau­en, auch genau hinzusehen. 

JAI-PLEURE-AVEC-LES-CHIENS-©-Stephanie-Paillet

Dua­lis­men wie männlich/weiblich, Natur und Kul­tur inter­es­sie­ren die jun­ge kana­di­sche Cho­reo­gra­fin nicht. Statt­des­sen geht es ihr um eine Neu­kon­fi­gu­ra­ti­on des Sinn­li­chen. Und um Anti­ko­lo­nia­lis­mus, der die Welt, die Men­schen, die Kunst nicht kate­go­ri­sie­ren, zur Ware machen, besit­zen und/oder aus­beu­ten will.

So ist die völ­li­ge Abwe­sen­heit von Hier­ar­chien, Streit oder Kampf in die­ser Grup­pe äußerst bemer­kens­wert; die­se sonst so schein­bar "nor­ma­len" Kate­go­rien wer­den bei Dai­na Ash­bee nicht (mehr) auf dem Thea­ter repro­du­ziert. Statt­des­sen sehen wir Prä­senz und Hin­ga­be, Acht­sam­keit und Ver­trau­en – in den immer wie­der prak­ti­zier­ten akro­ba­ti­schen Paar­übun­gen – letzt­lich pures kör­per­li­ches Sein.

Was für eine Her­aus­for­de­rung, was für eine Chan­ce, unser Mensch­sein (so) anders zu den­ken und zu füh­len. Und sich mit allem Leben­di­gen ver­eint zu füh­len, als Vor­aus­set­zung, um andere(s) um unse­res Pro­fits wil­len nicht (mehr) auszurotten.

Wie sehr sich die­se wun­der­ba­ren Per­for­mer: innen in die­sen sech­zig Minu­ten von uns ent­fernt und sich unse­rer krea­tür­li­chen Natur genä­hert hat­ten, war zu spü­ren, als sie sich am Ende wie­der beklei­det ver­beug­ten und dabei wie ver­klei­det wirkten.

Aller­dings kon­ter­ka­riert die Cho­reo­gra­fin ihre heh­ren Absich­ten selbst, wenn am zwei­ten Abend die Performer:innen, die vor­wie­gend aus Mexi­ko bzw. Vene­zue­la stam­men, mit zer­schun­de­nen, z. T. blu­ten­den Knie­en von der Büh­ne gehen. 

Astrid Priebs-Trö­ger

Die Arbeit an die­sem Arti­kel wur­de "geför­dert durch die Beauf­trag­te der Bun­des­re­gie­rung für Kul­tur und Medi­en im Pro­gramm NEUSTART KULTUR, [Hilfs­pro­gramm DIS-TANZEN/ tanz:digital/ DIS-TANZ-START] des Dach­ver­band Tanz Deutschland."

18. Mai 2022 von Textur-Buero
Kategorien: Allgemein, Ökologie, Tanz | Schlagwörter: , , , , | Schreibe einen Kommentar

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