Tanz in den Schatten

Aus dem tro­pi­schen Ame­ri­ka stammt eine in Deutsch­land sehr belieb­te, für man­chen gif­ti­ge Zim­mer­pflan­ze: die Mons­te­ra deli­cio­sa. Ein dich­ter Vor­hang aus vie­len ihrer dun­kel­grü­nen Rie­sen­blät­ter hängt in der Insze­nie­rung "La nuit, nos autres" der jun­gen kata­la­ni­schen Cho­reo­gra­fin Aina Alegre, die ihre Deutsch­land­pre­mie­re bei den 31. Pots­da­mer Tanz­ta­gen feierte.

"La nuit, nos autres", Aina Alegre, Foto: Albert Uriach

Mit die­sem Vor­hang ist ein beson­de­rer Natur-(Erfahrungs-)Raum gekenn­zeich­net, in dem sich auf der fabrik-Büh­ne noch ein Fel­sen befin­det und die gan­ze Zeit über lei­ses Was­ser­rau­schen zu hören ist. Ganz zu Beginn sit­zen außer­halb die­ses Rau­mes drei jun­ge Men­schen mit nack­tem Ober­kör­per am Boden.

Alle drei sind blas­se Stadt­kin­der, höchst­wahr­schein­lich mit der jugend­li­chen Sehn­sucht nach beson­de­ren (Grenz-)Erfahrungen, vor­zugs­wei­se in der Nacht. Ver­mut­lich gehö­ren auch pflanz­li­che Dro­gen zu ihrem Expe­ri­ment, in dem sie sich, bevor es beginnt, und jede:r sich in den "Urwald" begibt, noch an den Hän­den hal­ten und gemein­sam sanft einschwingen.

Doch dann muss jede:r von ihnen den ers­ten Schritt tun und sich in den bis­her unbe­kann­ten Raum bege­ben. Die Bewe­gun­gen der Ein­zel­nen wer­den grö­ßer und frei­er, ers­te Vogel­lau­te wer­den imi­tiert. Und die Far­be Blau erscheint bei­na­he wie von selbst in einem Gesicht.

"La nuit, nos autres", Aina Alegre, Foto: Hadri­en Touret

Ihre psy­cho­de­li­sche Ent­fal­tung stei­gert sich im Lau­fe der kom­men­den Stun­de, aber kein orgi­as­ti­scher Höhe­punkt flammt auf, dafür viel Far­be auf ihren Kör­pern, bun­te Federn im Gesicht, ein üppi­ger Pflan­zen­um­hang für einen von ihnen. Es bran­det zwi­schen ihnen kei­ne sexu­el­le Ener­gie auf, dafür fast opern­ar­ti­ger Kolo­ra­tur­ge­sang. Ins­ge­samt bleibt alles sehr kul­ti­viert und gesit­tet, kei­ne Über­grif­fe – alles kann, nichts muss.

In die­ses Natur- und Selbst­er­fah­rungs­er­leb­nis bricht bei Aina Alegre auch immer wie­der Kul­tur, in Form von Tech­no­mu­sik ein. Und es ist nicht klar, ob sich die Jugend­li­chen gera­de im Club oder im Wald befin­den. Bei­des über­la­gert sich, und es kann auch sein, dass es gar nicht drei jun­ge Men­schen sind, die sich da wie in Tran­ce bewe­gen, son­dern eine:r mit ver­schie­de­nen sich über­la­gern­den Bildern/Schleifen im Kopf/Körper.

Zum Ende hin bre­chen sich dann akus­tisch auch rohe Natur­ge­wal­ten Bahn, manch­mal klingt es wie ein Gewit­ter, dann bei­na­he wie ein Erd­be­ben, doch eigent­lich ist das die nächs­te Geschich­te. Die drei fau­ni­schen Misch­we­sen jeden­falls haben sich den magi­schen Ort, der zuletzt wie ein Schlacht­feld aus­sieht, spie­le­risch expe­ri­men­tie­rend anver­wan­delt, hal­ten bei gefühlt beben­dem Boden immer noch die Balan­ce, doch zur ruhi­gen Far­be Blau gesellt sich zuletzt bei einem von ihnen feu­ri­ges Rot.

"La nuit, nos autres", Aina Alegre, Foto: Jero­me Tisserand

Die­se bild­schö­ne Per­for­mance ist 2019 ent­stan­den und hät­te nach zwei Jah­ren Coro­na-Erfah­run­gen – auch gera­de bei jun­gen Leu­ten – wahr­schein­lich zum jet­zi­gen Zeit­punkt eine sehr viel hef­ti­ge­re Dimen­si­on. Auch zwei ande­re Cho­reo­gra­fin­nen bei den dies­jäh­ri­gen Pots­da­mer Tanz­ta­gen – Lia Rodri­gues und Dai­na Asbee – setz­ten sich mit krea­tür­li­chen respek­ti­ve ani­ma­li­schen Qua­li­tä­ten des Mensch­seins (in Kri­sen­zei­ten) auseinander. 

Doch bei den bei­den wirk­ten sie wesent­lich exis­ten­zi­el­ler und rau­er, und in der direk­ten Kon­fron­ta­ti­on damit, war Ale­gres‘ Insze­nie­rung ein zwar hoch­äs­the­ti­sches, doch ins­ge­samt harm­lo­ses Expe­ri­ment. Zwar ein wich­ti­ges in unse­rer moder­nen, von allem Mys­ti­schen und Magi­schem "befrei­ten" moder­nen Welt, wie auch der Aya­huas­ca-Tou­ris­mus von immer mehr Men­schen aus Euro­pa zeigt.

Astrid Priebs-Trö­ger

Die Arbeit an die­sem Arti­kel wur­de "geför­dert durch die Beauf­trag­te der Bun­des­re­gie­rung für Kul­tur und Medi­en im Pro­gramm NEUSTART KULTUR, Hilfs­pro­gramm DIS-TANZEN des Dach­ver­band Tanz Deutsch­land." 

23. Mai 2022 von Textur-Buero
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