In der Einsamkeitsschleife

Vogel­zwit­schern, Kin­der­ge­schrei und Hun­de­ge­bell ste­hen ganz am Anfang der Tanz­auf­füh­rung der Cott­bus­ser Cho­reo­gra­fin Gol­de Grun­ske, die damit bei Made in Pots­dam in der fabrik zu Gast war.

Ein Tän­zer und drei Tän­ze­rin­nen lau­fen zu Beginn am Rand der lee­ren Are­na in Rich­tung Publi­kum und neh­men immer wie­der freund­li­chen Blick­kon­takt zu ein­zel­nen Zuschauer*innen auf. Etwas, das sich noch vor zwei Jah­ren ganz nor­mal anfühlte.

Gol­de Grun­ske, CON.TAKT.LOS, Foto: Chris­tia­ne Schleifenbaum

CON.TAKT.LOS ist jedoch wäh­rend der Coro­na-Pan­de­mie ent­stan­den und ver­ar­bei­tet auch Erfah­run­gen vor allem jun­ger Men­schen, die Gol­de Grun­ske zu ihren Erleb­nis­sen wäh­rend der Lock­downs befrag­te.

In ihrem Tanz­stück wird das anfäng­li­che pral­le öffent­li­che Men­schen­le­ben abrupt unter­bro­chen, die Tänzer*innen frie­ren mit gro­ßem Abstand zuein­an­der auf ihren Plät­zen und in ihren Bewe­gun­gen ein und sind fort­an einer ener­gi­schen Ton­spur aus elek­tro­ni­scher Musik unter­wor­fen. Die har­ten Beat­rhyth­men trei­ben sie zu inten­si­ven, jedoch im Radi­us stark ein­ge­schränk­ten Bewe­gun­gen an.

Erlebnisse während des Lockdowns

Jede*r ist allein, kommt mit den inzwi­schen über­kreuz­ten eige­nen Bei­nen nicht mehr vom Fleck, der eige­ne Hori­zont reicht kaum mehr zwei Meter weit. Etwas, das die Meis­ten von uns gut aus den ers­ten Wochen und Mona­ten der Pan­de­mie mit ihren Kon­takt­be­schrän­kun­gen kennen.

Wie fest­ge­klebt ver­har­ren die Tänzer*innen an ihren Plät­zen, da hilft auch der immense Ener­gie­auf­wand, den sie betrei­ben, nicht, um grund­sätz­lich ihre Situa­ti­on zu ver­än­dern. Dem Kraft­auf­wand folgt die Wut, der Wut die Resi­gna­ti­on und alles bleibt, mit mini­ma­len Abstu­fun­gen, wie es ist.

CON.TAKT.LOS gelingt es ein­drück­lich, die­se all­ge­mei­nen Ein­sam­keits- und Frust­ge­füh­le tän­ze­risch aus­zu­drü­cken. Irgend­wann hän­gen die vier Men­schen nur noch wie Mario­net­ten an ihren Fäden, ver­lie­ren ihre indi­vi­du­el­le See­le und wir­ken wie fremd­be­stimm­te Roboter.

Doch dann besin­nen sie sich lang­sam auf das Eigent­li­che, was das Mensch­sein aus­macht, und was so lan­ge und immer wie­der unter­sagt war – sie neh­men zag­haft wie­der Kon­takt zuein­an­der auf.

Kontaktaufnahme nach Isolation

Zuerst über die Augen, dann vor­sich­tig über lang aus­ge­streck­te Hän­de und Füße. Und weil es Tänzer*innen sind, haben sie auch das tän­ze­ri­sche Mit­tel der Kon­takt­im­pro­vi­sa­ti­on zur Ver­fü­gung. Dar­über geschieht eine spie­le­ri­sche und vor­zugs­wei­se ener­ge­tisch-flie­ßen­de Annä­he­rung an den Ande­ren, all­mäh­lich wer­den Ver­trau­en und Ver­bin­dung wie­der möglich.

Das fühlt sich ein­fach und wun­der­bar an. Man sieht die­se Tech­nik mit ganz ande­ren Augen und kann das Her­an­tas­ten an den Ande­ren qua­li­ta­tiv neu ent­de­cken. Davor ist aber auch noch über­aus deut­lich zu spü­ren, wie sehr – und vor allem nach der inzwi­schen über zwei­jäh­ri­gen Ein­sam­keits­schlei­fe – das vor­her vor­herr­schen­de Kon­kur­renz­ver­hal­ten eigent­lich aus­ge­dient hat.

Kommunikation über Tanz ermöglichen

Gol­de Grun­skes Tanz­com­pa­nie ist in Cott­bus ein wich­ti­ger Stand­ort von Dance in Resi­dence (DIR) in Bran­den­burg und sie arbei­tet eng mit der Pots­da­mer fabrik zusam­men. Die Cho­reo­gra­fin fragt sich schon län­ger, wie sie mit Tanz auch Nicht-Thea­ter­in­ter­es­sier­te an Orten außer­halb des Thea­ters, zum Bei­spiel im öffent­li­chen Raum, errei­chen kann.

Vor dem Hin­ter­grund der Flücht­lings­kri­se 2015 ent­wi­ckel­te sie ein Stück, mit dem sie in der Lau­sitz unter­wegs war. Und auch die ers­ten Reak­tio­nen auf CON.TAKT.LOS zei­gen, wie sehr die Men­schen an einem direk­ten Aus­tausch über das kol­lek­tiv Erleb­te inter­es­siert sind.

Astrid Priebs-Trö­ger

Die Arbeit an die­sem Arti­kel wur­de "geför­dert durch die Beauf­trag­te der Bun­des­re­gie­rung für Kul­tur und Medi­en im Pro­gramm NEUSTART KULTUR, Hilfs­pro­gramm DIS-TANZEN des Dach­ver­band Tanz Deutsch­land."

03. April 2022 von Textur-Buero
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