Lob der Entschleunigung

Auch lee­re Thea­ter haben eine beson­de­re Anzie­hungs­kraft. Die­se ist deut­lich zu spü­ren, wenn man sich den Film "Kunst­pau­se" vom Künst­ler­kol­lek­tiv KOMBINAT anschaut, der noch bis 20. Juni im Pots­da­mer Kunst­Raum zu sehen ist. In einem Coro­na kon­for­men Zwei­sit­zer-Kino, ver­steht sich.

Die Cho­reo­gra­fin Pau­la E. Paul und der Medi­en­künst­ler Sir­ko Knüp­fer hat­ten wäh­rend des ers­ten Coro­na-Lock­downs im Früh­jahr 2020 die Idee, in die geschlos­se­nen Pots­da­mer Thea­ter zu gehen und dort Bil­der des all­ge­gen­wär­ti­gen Still­stan­des zu fil­men. Außer­dem woll­ten sie ein­mal die­je­ni­gen ins Ram­pen­licht stel­len, die sonst hin­ter den Kulis­sen maß­geb­lich dar­an mit­wir­ken, dass das Gesamt­kunst­werk Thea­ter über­haupt zustan­de kommt.

KOMBINAT "Kunstpause"/Foto: Steph Ketel­hut (Niko­lai­saal)

Ihr jetzt 40-minü­ti­ger-End­los­loop beginnt mit einer skur­ri­len Sze­ne: Ein jun­ger schwarz­ge­klei­de­ter Mann liegt wie am Strand rücklinks auf einer Dreh­büh­ne, die Arme läs­sig unter dem Kopf ver­schränkt und man hat das Gefühl, er dreht von jetzt an Run­de um Run­de, solan­ge, bis die Pan­de­mie zu Ende ist und der quir­li­ge Thea­te­rall­tag mit sei­nem dicht getak­te­ten  Rhyth­mus wie­der beginnt.

Und doch täuscht die­ser ers­te Ein­druck. Denn KOMBINAT gelingt es, mit den Tech­ni­ker* innen, die in der fabrik, im Hans Otto Thea­ter, dem Niko­lai­saal, dem Thea­ter­schiff, dem Treff­punkt Frei­zeit, dem T-Werk, dem Schloss­thea­ter und dem Wasch­haus auch wäh­rend des andau­ern­den Kul­tur-Lock­downs vor Ort sind, in einen sowohl span­nen­den als auch ver­spiel­ten Dia­log zu tre­ten.

Einer­seits füh­ren die Techniker*innen sehr bereit­wil­lig die tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten ihrer Häu­ser vor, man gelangt als Zuschauer*in auf Schnür­bö­den und in Mate­ri­al­la­ger, erlebt das impo­san­te Auf­fah­ren eines Eiser­nen Vor­han­ges oder das Ver­sen­ken von Zuschau­er­po­des­ten. Ande­rer­seits kann man auch dabei sein, wenn die 15 Prot­ago­nis­ten, dar­un­ter drei Frau­en, ihre eige­ne krea­ti­ve Ader – vie­le von ihnen sind auch Musiker*innen – zum Klin­gen brin­gen.

Wie Con­rad Kat­zer, der Sän­ger der ProgRock­band "Deli­ria" mit "Poli­tik, Macht, Krieg" oder Jan­ne Busch­mann, die Beet­ho­vens "Pathe­tique" eigen­wil­lig inter­pre­tiert. Oder Ralf Grü­ne­berg, der unter­schied­lich lan­gen Gerü­st­roh­ren eine Ton­fol­ge ent­lockt und auch Ciko­mo Paul, der auch bei die­ser Gele­gen­heit zu den Sticks greift.

KOMBINAT "Kunstpause"/Foto: Steph Ketel­hut (Hans Otto Thea­ter)

 

Sie tun das in "Kunst­pau­se" auch ohne Publi­kum – ein­fach, weil es in der jetzt (schein­bar end­los) gedehn­ten Zeit mög­lich ist. Und sie, nach­dem alles auf­ge­räumt, geord­net, repa­riert oder geputzt ist, ihre eige­ne Krea­ti­vi­tät ausleben/füttern kön­nen. Es ist wun­der­bar, wie KOMBINAT aus über 80 Stun­den Film­ma­te­ri­al jetzt die­sen ers­ten Loop, der für ein Lauf­pu­bli­kum kon­zi­piert ist, pro­du­ziert hat.

Und zwar nicht line­ar, Haus für Haus, son­dern mit vie­len Schnit­ten und bei­spiels­wei­se the­ma­ti­schen Schwer­punk­ten – Beleuch­tungs­brü­cken, Gän­ge oder Mate­ri­al-Maga­zi­ne – und man nicht immer weiß, in wel­chem Haus man sich gera­de befin­det. Und: man gerät beim Anschau­en der "lee­ren Räu­me"  in einen medi­ta­ti­ven Sog. Wun­der­bar ist auch die humor­vol­le Ader, die das Gan­ze durch­zieht und die sich z. B. dar­in äußert, dass Tech­ni­ker mit Inli­ne-Ska­tern jetzt die Räu­me zwi­schen den Zuschau­er­rei­hen des Niko­lai­saals als Lauf­stre­cke benut­zen oder jemand dem wacke­li­gen Gelän­der des T-Werk-Zuschau­er­po­dests schrä­ge Töne ent­lockt.

KOMBINAT "Kunstpause"/Foto: Sir­ko Knüp­fer (fabrik)

Sehr klar wird – hier sind in jeder Hin­sicht krea­ti­ve Men­schen zugan­ge, die ihre Arbeit (nicht nur einen Job!) lie­ben und die selbst so einer Zwangs­pau­se krea­ti­ve Momen­te abge­win­nen und so etwas für sich/für uns dazu­ge­win­nen kön­nen. Jen­seits von aller auch im Kul­tur­be­reich ein­ge­zo­ge­nen Effi­zi­enz. Inso­fern ist "Kunst­pau­se" (auch) ein wun­der­ba­res Plä­doy­er für krea­ti­ve Pau­sen und die nicht geplan­ten Mög­lich­kei­ten sich aus­brei­ten­der Lan­ge­wei­le oder des Ein­fach Seins – wie es der Tech­ni­ker ganz am Anfang oder auch einer, der im Ret­tungs­boot des Thea­ter­schif­fes liegt und den Wol­ken nach­schaut, zeigt.

Ich bin gespannt, wie KOMBINAT die "Kunst­pau­se" wei­ter ent­wi­ckelt, denn aus dem Mate­ri­al soll in einem wei­te­ren Schritt ein abend­fül­len­der Film wer­den, in dem die Protagonist*innen, mit denen auch Inter­views geführt wur­den, dann selbst zu Wort kom­men.

Astrid Priebs-Trö­ger

29. Mai 2021 von Textur-Buero
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