Bewegend anders?!

Die Aus­stel­lung mit dem unge­wöhn­li­chen Namen "mocku­lig!" ist ein Schatz. Sie wur­de im Rah­men des 2. Pots­da­mer Inklu­si­ons­fes­ti­vals "bewe­gend anders" im Kes­sel­haus des Wasch­hau­ses in der Schiff­bau­er­gas­se eröff­net. Hier hän­gen jetzt mehr als zwei Dut­zend zumeist far­ben­fro­he Bil­der mit sehr unkon­ven­tio­nel­len Titeln. Kaki­mas­sel, Wutor­plo­si­on oder Wom­mer ist dort unter ande­rem zu lesen.

28 Schüler*innen der 7. bis 10. Klas­se der Ober­lin­schu­le haben die­se erdacht und zugleich in Bil­dern umge­setzt. Und auch erklärt, was sie bedeu­ten. "Kaki­mas­sel" bezeich­net eine All­tags­si­tua­ti­on von Men­schen, die Unter­stüt­zung bei allen ihren täg­li­chen Ver­rich­tun­gen brau­chen. "Man wird gezwun­gen, auf der Toi­let­te zu sit­zen", schreibt die Jugend­li­che, "obwohl man gar nicht muss und war­tet min­des­tens 20 Minu­ten, bis jemand kommt."

Foto: And­re Looft/Porträt Lisa

Authentische Innensicht in die Gedanken und Gefühle junger Menschen mit Behinderung

Pfle­ge­all­tag eben, sagt man sich als Außen­ste­hen­der. Doch "Ich wur­de ver­ges­sen" steht auch noch da und eben die­ses bei­na­he poe­ti­sche Wort, das den gan­zen Vor­gang in die­ser fan­ta­sie­vol­len Wort­schöp­fung zusam­men­fasst. So etwas bleibt haf­ten. Eine "Wutor­plo­si­on" kriegt hin­ge­gen jemand, der sich bei­spiels­wei­se als Autist zu stark beob­ach­tet fühlt und ein "Wom­mer" beschreibt jeman­den, der nie zufrie­den ist.

Die­se authen­ti­sche Innen­sicht in Gefüh­le und Gedan­ken von Men­schen mit Behin­de­run­gen, die man als auf­merk­sa­mer Betrach­ter im Wasch­haus bekommt, ist immer noch sehr sel­ten. Sie zeigt die Jugend­li­chen vor allem als selbst­stän­di­ge Sub­jek­te und genaue Beob­ach­ter ihrer Umwelt. Dies kann wie beim "Öff­idio­ten" – das sind die, die Roll­stuhl­fah­rern gedan­ken­los ihre Gepäck­stü­cke an den Kopf knal­len – auch den soge­nann­ten Nor­ma­los humor­voll-kri­tisch die Augen öff­nen.

Eine ganz ande­re Her­an­ge­hens­wei­se zeig­te die eigens für das Inklu­si­ons­fes­ti­val insze­nier­te Tanz­thea­ter­pro­duk­ti­on "Herr der Flie­gen", die unter der Regie von Anja Kozik  zur Pre­mie­re kam.

Kozik lud Künst­ler wie den Musi­ker Car­lo Phil­ipp Thom­sen, die Fla­men­co­tän­ze­rin­nen Jojo Ham­mer und Vera Köp­pern, die Schau­spie­le­rin Julia­ne Göt­ze sowie das Tüft­ler­duo Cle­mens Kowal­ski und Oscar Loe­ser ein, um gemein­sam mit vier jun­gen Frau­en mit Behin­de­rung und Stu­den­tin­nen der Hoff­bau­er-Schu­le eine viel­schich­ti­ge, mul­ti­me­dia­le Per­for­mance zu kre­ieren.

Individualität in sehr diversen Gruppen

Am Anfang und am Ende fährt eine jun­ge Frau mit Down-Syn­drom auf Roll­schu­hen behän­de durch die Sze­ne­rie, eine super­schlan­ke, schwarz­ge­klei­de­te Bal­le­ri­na schält sich lang­sam aus dem roten, von der Decke hän­gen­den Ver­ti­kal­tuch und die Fla­men­co­tän­ze­rin­nen las­sen immer wie­der rhyth­misch ihre Absät­ze kla­cken. Jede von ihnen kann sich in ihrer ein­zig­ar­ti­gen Indi­vi­dua­li­tät zei­gen und auch immer wie­der Bestand­teil die­ser sehr diver­sen Grup­pe sein.

Foto: And­re Looft/Probenfoto "Herr der Flie­gen"

Wenn die­se neun Frau­en gemein­sam tan­zen, respek­ti­ve ihren Weg fin­den, sind das star­ke Bil­der. Genau wie am Schluss, als die Per­for­me­rin­nen rote Woll­knäu­le ins Publi­kum wer­fen und die Fäden bald sym­bo­lisch alle mit­ein­an­der ver­net­zen. Denn anders als der Titel "Herr der Flie­gen" ver­mu­ten lässt, geht es bei Kozik viel stär­ker um das Ver­bin­den­de als das Tren­nen­de in der Frau­en­grup­pe und sie erlebt ande­re Situa­tio­nen als in dem dys­to­pi­schen Roman  von Wil­liam Gol­ding beschrie­ben wird.

Inklusion statt Intergration braucht mehr Zeit

Über die­se lite­ra­ri­sche Pro­jek­ti­ons­flä­che wer­den zudem noch Aus­zü­ge aus Kath­rin Pas­sigs  star­kem Text "Sie befin­den sich hier" gelegt, was die Per­for­mance noch­mals ver­dich­tet aber letzt­end­lich über­lädt. Und man wird an eini­gen Stel­len den Ein­druck nicht los, dass hier ein sehr viel­schich­ti­ges Kon­zept umge­setzt wird, anstatt auf das Zusam­men­wach­sen der sehr unter­schied­li­chen Krea­ti­vi­tät aller Betei­lig­ten zu ver­trau­en. Aller­dings tra­gen ein Pro­ben­zeit­raum von vier Wochen und die unge­wohn­te Zusam­men­ar­beit von Pro­fes­sio­nel­len und Lai­en dazu bei, eher inte­gra­ti­ve Kon­zep­te umzu­set­zen, anstatt wirk­lich inklu­siv etwas gemein­sam ent­ste­hen zu las­sen.

Astrid Priebs-Trö­ger

Die­ser Text erschien am 24. Sep­tem­ber in den Pots­da­mer Neu­es­ten Nach­rich­ten (PNN)

 

24. September 2018 von admin
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