Die letzte Reise

"Was? Noch ´ne Schicht?" echauf­fiert sich Alten­pfle­ge­rin Edith laut­stark gleich zu Beginn der Pre­mie­re von "Der Mor­gen kann war­ten". Die Ber­li­ner Figu­ren- und Objekt­thea­ter­grup­pe "Hand­ge­men­ge", die schon oft im T-Werk gas­tier­te, hat sich dies­mal einer The­ma­tik zuge­wandt, die auf den ers­ten Blick so gar nicht in ihr Reper­toire zu pas­sen scheint.

Poetische Reise in die Innenwelt älterer Menschen

Anstatt "Königs Welt­rei­se" oder "Loo­king for Brun­hild" als Figu­ren­thea­ter nach der Nibe­lun­gen­sa­ge nun den Pfle­ge­not­stand im Alten­heim the­ma­ti­sie­ren? Doch was auf den ers­ten Blick als (zu) pro­sa­isch bzw. bei­na­he aktu­ell-poli­tisch anmu­tet, ent­puppt sich auf den zwei­ten als wun­der­bar poe­ti­sche Rei­se in die Innen­welt älte­rer Men­schen. Die, wie der fan­ta­sie­vol­le Herr Peter­mann ihre letz­te Heim­statt in einem Pfle­ge­heim gefun­den haben.

Der Mor­gen kann war­ten, Foto: Jörg Metz­ner

Hier treibt der alte Herr die Nacht­schwes­tern regel­mä­ßig zur Ver­zweif­lung, weil er sich par­tout nicht an die rigi­den Vor­ga­ben zu den Schla­fens­zei­ten hal­ten will bzw. kann. Denn Peter­mann hat in der Dun­kel­heit Angst zu ster­ben. "Wenn ich mor­gen früh auf­wa­che, bin ich tot", so sei­ne fes­te Über­zeu­gung. Denn "mei­ne See­le wird den Kör­per ver­las­sen, wenn ich ein­schla­fe."

Pralle Erinnerungen und Lebenslust

Und so hält sich der agi­le Alte, der, statt iso­liert in einem Heim unter sei­nes­glei­chen zu leben, noch jede Men­ge erle­ben will, jede Nacht mit Erin­ne­run­gen an sein längst ver­gan­ge­nes Leben wach. Schwes­ter Edith hin­ge­gen, die robust-prag­ma­tisch von Susi Claus ver­kör­pert wird, schläft nach ihrer ers­ten Schicht und dem ver­geb­li­chen Rin­gen mit Peter­mann ein­fach total über­mü­det ein.

Wäh­rend die poin­tier­ten Pfle­ge­heim-Sze­nen vor der klei­nen Guck­kas­ten­büh­ne spiel­ten und die Prot­ago­nis­ten von Peter Mül­ler und Susi Claus mit viel Situa­ti­ons­ko­mik ver­kör­pert wur­den, spielt das, was sich anschließt, als Schat­ten- und Objekt­thea­ter in wun­der­ba­ren schwarz-blau-wei­ßen Schat­ten­bil­dern dahin­ter. Denn Peter­mann nutzt die Gele­gen­heit, sti­bitzt der ein­ge­schla­fe­nen Nacht­schwes­ter den Haus­tür­schlüs­sel und macht sich mit sei­nem pro­pel­ler­be­trie­be­nen Metall­bett auf sei­ne – wahr­schein­lich letz­te – Rei­se.

Unwürdige Pflegeheimsituation

Spä­tes­tens hier ver­lässt die Insze­nie­rung den Ges­tus der Zustands­be­schrei­bung der heu­ti­gen (unwür­di­gen) Pfle­ge­heim­si­tua­ti­on und kre­iert eine wun­der­ba­re Uto­pie: Was wäre, wenn wir den Alten ein­fach zuhö­ren und sie auf ihren (letz­ten) Wegen empa­thisch beglei­ten? Schwes­ter Edith tut genau dies als "Frau Mond" und unter­stützt Peter­mann auf sei­nen wun­der­sa­men (Erin­ne­rungs-) Wegen.

Der Mor­gen kann war­ten, Foto: Jörg Metz­ner

Wunderbare Utopie

Sie ist hilf­reich zur Stel­le, wenn er mit sei­nem rol­len­den Metall­bett an einer Stra­ßen­la­ter­ne lan­det oder zau­bert locker einen 13er-Schlüs­sel aus der Tasche, wenn der ram­po­nier­te Pro­pel­ler am Bett gerich­tet wer­den muss. Sie, die das hal­be Leben noch vor sich hat, erfährt hier etwas über Sehn­süch­te und Wün­sche alter Men­schen aber auch über ihre Ängs­te vorm Ster­ben. Und kommt aus ihrer über­ge­ord­ne­ten (Aufpasserinnen-)Rolle auf Augen­hö­he mit dem, den sie eigent­lich betreu­en, sprich maß­re­geln soll.

In der ein­stün­di­gen Insze­nie­rung wird dies mit wun­der­bar detail­ver­lieb­ten Bil­dern gezeigt, die man genau wie die tief­sin­nig-redu­zier­ten Tex­te gern in Buch­form in den Hän­den hal­ten wür­de. Schön auch die Sze­ne, in der Peter­mann sagt, dass er schon als Kind nicht schla­fen konn­te, weil er unbe­dingt schnell erwach­sen wer­den woll­te. Die­se Bögen zwi­schen Lebens­an­fang und -ende schlägt die Insze­nie­rung wun­der­bar leicht und spie­le­risch.

Jede Menge Humor und Sprachwitz

Ins­ge­samt besticht "Der Mor­gen kann war­ten" mit viel Lie­be zum Detail, jeder Men­ge Humor und Sprach­witz. Sie ist im Schat­ten­spiel­teil wun­der­bar schwe­bend in ihren Aus­sa­gen und kann an eini­gen Stel­len auch das "erwach­se­ne" Pen­dant zu Storms "Der klei­ne Häwel­mann" gele­sen wer­den. Von ihrer lebens­lus­ti­gen Inten­si­tät erin­nert sie hin­ge­gen an den Kus­tu­ri­ca-Film "Schwar­ze Kat­ze, wei­ßer Kater".

Astrid Priebs-Trö­ger

Die­ser Arti­kel erschien zuerst in den Pots­da­mer Neu­es­ten Nach­rich­ten (PNN) vom 30. April 2018.

 

30. April 2018 von admin
Kategorien: Allgemein, Theater | Schlagwörter: , , , , | Schreibe einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert